/ 22.06.2013
Helmut Walser Smith
Fluchtpunkt 1941. Kontinuitäten der deutschen Geschichte. Aus dem Englischen übersetzt von Christian Wiese
Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2010; 326 S.; 24,95 €; ISBN 978-3-15-010734-8„Ein Fluchtpunkt ist ein Mittelpunkt, der dem ganzen Bild Konturen verleiht“ (30), schreibt Smith, Professor für Neuere Geschichte an der Vanderbilt University Nashville, „1941 als Fluchtpunkt zu wählen heißt, den Völkermord, seine Brutalität und seine Primitivität in den Vordergrund zu rücken“ (9). Während der Shoah seien fast genauso viele Juden erschossen wie vergast, die Hälfte dieser Menschen also mit den Methoden des 19. Jahrhunderts ermordet worden. Die Frage Goldhagens, ob sich die Brutalität gewöhnlicher Deutscher während der Shoah historisch erklären lasse, sei daher nicht verfehlt gewesen, so Smith, nur seine Antwort. Von diesen Überlegungen ausgehend, entwickelt der Historiker in fünf Essays, die zu chronologisch und ideengeschichtlich aufeinander folgenden Kapiteln gefasst sind, die Vorgeschichte des Völkermords an den Juden – eingebettet in die europäische Geschichte und damit unter Einbeziehung des Antisemitismus in den Nachbarländern. Die zentralen Begriffe sind Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus, über ihre Verknüpfung gelingen Smith eindringliche Erkenntnisse. Als historischen Dreh- und Angelpunkt benennt er die geteilte Wahrnehmung von Gewalt, aus der „gegenläufige[.] Geschichten des Erinnerns und Vergessens“ (93) resultierten. Während die Bevölkerung etwa die erlebte Gewalt des Dreißigjährigen Krieges gemäß Westfälischen Friedens zu vergessen hatte, übernahmen die Juden die gegen sie gerichtete Gewalt in ihr kollektives Gedächtnis und ritualisierten das Erinnern. Und während die Mehrheitsbevölkerung die Kriegsgewalt als Geißel erlebt hatte, nahm sie die Gewalt gegen Juden als gerechten Akt wahr, der wiederinszeniert werden konnte. Die Gewaltausbrüche selbst erklärt Smith vor allem ganz konkret mit der Abwehr kommunaler Rechte für die Juden. Diese Wahrnehmung von Gemeinschaft unter Ausgrenzung der Juden wurde dann, so eine zentrale These, mit der Herausbildung des Nationalismus auf eine übergeordnete Ebene transferiert. Mit dem aufkommenden Rassismus sei zudem der Wert eines Menschenlebens verloren gegangen und schließlich habe der Staat – statt Schutz zu bieten – selbst Gewalt angewendet oder anwenden lassen. Im Deutschen Reich also ermöglichte eine enge Verflechtung von Antisemitismus mit Nationalismus und Rassismus die Herausbildung eines Gemeinschaftsempfindens, das – so die Quintessenz der Thesen – erst den sozialen und dann den physischen Tod der Juden möglich machte.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.31 | 2.311 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Helmut Walser Smith: Fluchtpunkt 1941. Stuttgart: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32397-fluchtpunkt-1941_38658, veröffentlicht am 02.08.2010.
Buch-Nr.: 38658
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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