/ 21.06.2013
Klaus Schubert / Simon Hegelich / Ursula Bazant (Hrsg.)
Europäische Wohlfahrtssysteme. Ein Handbuch
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2008; 704 S.; brosch., 49,90 €; ISBN 978-3-531-15784-9Der Band gibt erstmalig einen Überblick über die Sozialpolitiken von 25 EU-Mitgliedstaaten – es fehlen Bulgarien und Rumänien. Neben der empirischen Darstellung wird gefragt, ob und wie sich der offenkundige Pluralismus wissenschaftlich kategorisieren lässt und inwieweit dies das politische Ziel eines europäischen Sozialmodells realisierbar werden lässt. Die Herausgeber verweisen zu Recht auf den Missstand, dass die an Esping-Andersen anknüpfende Vergleichende Wohlfahrtstaatenforschung bei allen Verdiensten letztlich durch ihre theoretische Fixierung auf drei Typen, die je nach Perspektive um ein oder zwei Formen erweitert wurden, die Auswahl der Forschung begrenzt hat. Zudem kritisieren die Herausgeber, dass Begriffe wie „Wohlfahrtsstaat“ und „Wohlfahrtsregime“ die empirische Forschung aufgrund der mehr oder weniger starken theoretischen Staatsorientierung behindern. Diese Probleme haben sich angesichts der Vertiefung und Erweiterung der Europäischen Union und durch den Ausbau supranationaler Kompetenzen sowie durch den zunehmenden Globalisierungsdruck so weit verschärft, dass die Autoren von einer Unterhöhlung der theoretischen Grundlagen der Wohlfahrtsstaatenforschung sprechen. Es ist daher nur konsequent, wenn in der vergleichenden Analyse die Möglichkeit einer Clusterbildung verschiedener Wohlfahrtstypen verneint wird. Die 25 Staaten lassen sich zwar innerhalb eines Merkmals katalogisieren, jedoch fallen die Gruppierungen je nach Ordnungskriterium unterschiedlich aus. Die Frage, ob sich die Europäische Union auf dem Weg zum europäischen Sozialstaat befindet, führt denn auch Lamping zu einem ambivalenten Urteil: Während einerseits ein Mehrebenen-Sozialstaat aus dem zufälligen Prozess der Verschränkung mit divergierenden Kompetenzzuweisungen entsteht, ist dieser Prozess andererseits aufgrund der angemeldeten nationalen Interessen viel zu diffus und uneinheitlich, um von einem einheitlichen Modell sprechen zu können. In dieser paradoxen Situation klammern sich die Nationalstaaten an den Schein der Souveränität, die sie längst im Begriff sind zu verlieren.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.262 | 2.342 | 2.4 | 2.1
Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Klaus Schubert / Simon Hegelich / Ursula Bazant (Hrsg.): Europäische Wohlfahrtssysteme. Wiesbaden: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28968-europaeische-wohlfahrtssysteme_34206, veröffentlicht am 04.06.2008.
Buch-Nr.: 34206
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
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