/ 12.06.2013
Kai Ambos / Luís Pereira Coutinho / Maria Fernanda Palma / Paulo de Sousa Mendes (Hrsg.)
Eichmann in Jerusalem – 50 Years After. An Interdisciplinary Approach
Berlin: Duncker & Humblot 2012 (Beiträge zum Internationalen und Europäischen Strafrecht 14); 199 S.; 68,- €; ISBN 978-3-428-13893-7Für Kontroversen sorgt bis heute sorgt die These der Philosophin Hannah Arendt, dass Adolf Eichmann – mitverantwortlich für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden während der NS‑Zeit – ein Beispiel für die „Banalität des Bösen“ ist. Dieser habe nur den Befehlen der Autoritäten gehorcht, ohne selbst nachzudenken. Die Absicht der aus Anlass des 50. Jahrestages des Endes des Eichmann‑Prozesses veröffentlichten Beiträge ist es, über Arendts Gesamtwerk wie auch über den Eichmann‑Prozess zu reflektieren. Für die Herausgeber ist die These ein zentraler Baustein, um das gesamte Werk Arendts zu verstehen. An diesem könnten darüber hinaus grundsätzliche Probleme in den Bereichen des nationalen und internationalen Strafrechts wie auch der Rechtsphilosophie exemplifiziert werden. Dies belegen die Beiträge, in denen das Problem des Bösen im Denken Arendts als Hintergrundfolie dient, um ihr Werk aus anderen Blickwinkeln zu beleuchten. Im ersten Teil „Facing the Evil“ betont Maria Pernanda Palma u. a. die Verbindung zwischen dem „Bösen“ und der Neutralisierung von essenziellen menschlichen Werten innerhalb totalitärer Systeme. In der zweiten Sektion „Hannah Arendt, The Legal and the Political“ ist der Beitrag von Massimo La Torre interessant, der sich mit ihrem Rechtsverständnis beschäftigt. Danach ist das Recht für Arendt – wie ihr Machtbegriff – konstitutiv für das Handeln. Im Gegensatz zu traditionellen Rechtstheorien reguliere das Recht das Handeln weniger als es vielmehr neue Wege des Handelns eröffne. Die dritte Sektion verbindet den Eichmann‑Fall explizit mit Arendts Gesamtwerk. Miguel Nogueira de Brito streicht heraus, dass die Banalität des Bösen die Konsequenz der Verweigerung des Denkens ist. Diese stehe daher zugleich für diese Verweigerung wie auch für die Pflicht der Menschen zum Denken. Im vierten Teil, der sich stärker auf das Gerichtsverfahren gegen Eichmann konzentriert, hebt Paulo de Sousa Mendes hervor, dass Arendt zu Recht das Verfahren gegen Eichmann nicht nur als ein Strafrechtsfall angesehen hat, sondern als einen Fall, der das Ziel hatte, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Diese umfassendere Dimension werde bei der Diskussion der Intention von kriminellen Sanktionen häufig übersehen. Diese Teile wie auch den Rest des Buches, der über den Eichmann‑Fall hinausgeht, sind jedem zu empfehlen, der sich sowohl mit Hannah Arendt als auch allgemeiner mit dem Problem des Bösen beschäftigen möchte.
Jan Achim Richter (JAR)
Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.46 | 2.35 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Jan Achim Richter, Rezension zu: Kai Ambos / Luís Pereira Coutinho / Maria Fernanda Palma / Paulo de Sousa Mendes (Hrsg.): Eichmann in Jerusalem – 50 Years After. Berlin: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14524-eichmann-in-jerusalem--50-years-after_43068, veröffentlicht am 28.02.2013.
Buch-Nr.: 43068
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Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
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