/ 21.06.2013
René Holenstein
Dieses Schicksal unterschreibe ich nicht. Gespräche im Balkan. Mit einem Nachwort von Carla Del Ponte
Zürich: Chronos Verlag 2007; 202 S.; 19,80 €; ISBN 978-3-0340-0847-1In dem Band werden Gespräche dokumentiert, die der Historiker Holenstein mit Intellektuellen aus Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo führte, als er vier Jahre lang die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit in Bosnien-Herzegowina leitete. Sein ausdrückliches Ziel ist es, ein anderes Bild dieser Länder zu präsentieren, als es die Medien transportieren. Die ständige Betonung der Gewalt werde diesen Gesellschaften nicht gerecht. „Das Buch will die zarten Pflanzen von Eigeninitiativen unterstützen, damit diese eines Tages wieder ein tragfähiges Wurzelwerk bilden können.“ (9) Dabei wird schnell deutlich, dass die Menschen auf dem Balkan noch immer schwer an der Last der Vergangenheit tragen, sei es, dass sie die Verengung ihrer Lebenswelt beklagen, sei es, dass sie den Mangel an demokratischen Strukturen auf Fehlentwicklungen im früheren Jugoslawien zurückführen wie der Sozialwissenschaftler Nebojša Popov. Ein skeptischer Ton durchzieht die Analysen der Intellektuellen, obwohl einige sich unermüdlich für eine Zivilgesellschaft engagieren. Unter anderem betont Vesna Teršelić, Trägerin des alternativen Friedensnobelpreises, wie wichtig es ist, die Vergangenheit zu dokumentieren. Die Kenntnis der Fakten sei „oft der erste Schritt zu einem gesellschaftlichen Wiederaufbau, zu Dialog und Verständigung“ (55). Andere Interviewpartner wie der Zagreber Professor für politische Philosophie Žjarko Puhovski, beklagen das Fehlen einer balkanischen Zivilgesellschaft und ziehen ein zwiespältiges Fazit der Rolle der Staatengemeinschaft beim Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen. „Das ethnische Prinzip muss überwunden werden“ (82), meint Miodrag Živanović, Philosophieprofessor aus Banja Luka. Dayton habe leider genau das Gegenteil bewirkt und die internationale Gemeinschaft lasse immer noch eine Strategie für ein langfristiges Engagement auf dem Balkan vermissen. Ob die Perspektive eines EU-Beitritts dabei hilft, die ethnischen und kulturellen Gegensätze zu überwinden, wird von den Intellektuellen jedoch durchaus skeptisch beurteilt.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.61 | 2.1 | 2.22 | 2.27
Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: René Holenstein: Dieses Schicksal unterschreibe ich nicht. Zürich: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27514-dieses-schicksal-unterschreibe-ich-nicht_32269, veröffentlicht am 20.08.2008.
Buch-Nr.: 32269
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
M. A., Politikwissenschaftler.
CC-BY-NC-SA