/ 18.06.2013
Massimo Ferrari Zumbini
Die Wurzeln des Bösen. Gründerjahre des Antisemitismus: Von der Bismarckzeit zu Hitler
Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann 2003; 774 S.; Ln., 49,- €; ISBN 3-465-03222-5Gegen Ende des Kaiserreichs waren die Antisemiten „doppelt gescheitert": „Weder gelang ihnen der parlamentarische Durchbruch, noch erfüllte sich ihre Hoffnung, eine nationale Parteiorganisation aufzubauen" (12). Dennoch war es ihnen gelungen, ein altes Feindbild neu in der öffentlichen Meinung zu verwurzeln. Diese Entwicklung beschreibt Ferrari Zumbini, Professor für die Geschichte der deutschen Kultur an der Universität Viterbo. Es gelingt ihm, die Ursprünge des eliminatorischen Antisemitismus, den Goldhagen den Deutschen unterstellt, herauszufiltern und auf eine kleine politische Gruppe zurückzuführen. Der Autor analysiert die Stellung der Juden und der Katholiken im Kaiserreich, das Wahlrecht, die politische Kultur sowie den sozialen Wandel in Deutschland an der Schwelle zu einem modernen Staat. Ein wesentlicher Faktor bei der Entstehung des modernen Antisemitismus sei die Migration der Juden aus Osteuropa gewesen. Zur Verdeutlichung der Ursachen dieser Migration erläutert der Autor die Zustände im zaristischen Russland. Diese Migranten, die zum allergrößten Teil auf dem Weg nach Amerika nur durchgereist seien, hätten den Antisemiten als Anlass gedient, gegen eine Überfremdung zu polemisieren. Die ablehnende Haltung gegen die fremd wirkenden Ostjuden sei dann auf die assimilierten Juden übertragen worden. Ferrari Zumbini zeigt schlüssig, dass hinter dem Antisemitismus eine Ablehnung der Moderne und des Liberalismus stand, wofür die Juden als Symbol dienten - ihre Diskriminierung habe sie in Berufe (Händler, Anwälte) gedrängt, die ihnen in einer modernen Gesellschaft oft zu Wohlstand verholfen hätten. Die Antisemiten hätten das einst religiös begründete Feindbild der Juden in die Moderne transferiert und damit den geänderten Zeiten angepasst - Wirtschaft und Religion seien zu einem doppelten Schaltkreis geworden. Dabei tauchten Unterstellungen auf wie die, dass die Juden nach Weltherrschaft strebten - Parolen, die später von Hitler verwendet wurden. „Die primäre historische Wirkungskraft des Antisemitismus der Kaiserzeit liegt in der Modernisierung und Radikalisierung der älteren Anschauungen." (680) Erst die weitere Radikalisierung während der Weimarer Republik unter wieder veränderten politischen und ökonomischen Bedingungen habe den Weg zum Holocaust geebnet.
Aus dem Inhalt:
I. Die Juden im Kaiserreich
II. Der doppelte Schaltkreis: Religion und Wirtschaft
III. Die Entstehung der antisemitischen Bewegungen
IV. Der parlamentarische Versuch
V. Theodor Fritsch
VI. Nietzsche und die Antisemiten
VII. Die Gespenster aus dem Osten: „Ostjuden" und „slawische Gefahr"
VIII. Das neue Paradigma: Der Jude als „Mutant"
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.311 | 2.312 | 5.43 | 2.62 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Massimo Ferrari Zumbini: Die Wurzeln des Bösen. Frankfurt a. M.: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/18959-die-wurzeln-des-boesen_21996, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 21996
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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