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/ 05.06.2013
Rolf-Dieter Müller / Hans-Erich Volkmann (Hrsg.)

Die Wehrmacht. Mythos und Realität. Hrsg. im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes

München: R. Oldenbourg Verlag 1999; XIV, 1.318 S.; 98,- DM; ISBN 3-486-56383-1
In seinem Vorwort formuliert der Amtschef des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes (MGFA), Oberst i. G. Friedhelm Klein, die zentralen Fragen des Sammelbandes: "Welche Rolle spielte die Wehrmacht im Machtgefüge des 'Dritten Reiches'? Wie bereitwillig paßte sie sich den machtpolitischen und ideologischen Zielen des NS-Systems an, trug sie mit oder stand sie zu ihnen im Widerspruch? Inwieweit ließ sie sich von der Staatsführung für einen verbrecherischen Eroberungs- und Vernichtungskrieg instrumentalisieren? In welchem Ausmaß war sie selbst an den Verbrechen beteiligt, indem sie völkerrechtswidrige Befehle ausführte oder sogar selbst ausarbeitete? Wieviel Schuld traf die oberste Führung der Streitkräfte, die verantwortlichen Befehlshaber, das Offizierkorps, die Unteroffiziere und Mannschaften? Ja, was war und wie war die Wehrmacht überhaupt?" (XI) Die Beiträge basieren zum großen Teil auf einer Tagung des MGFA von 1997. Das Tagungsergebnis bietet neben der Fülle unterschiedlicher Perspektiven und Erklärungsansätze vor allem den geglückten Versuch, "die Offenheit der Militärgeschichte für jüngere gesellschaftsbezogene Forschungsansätze zu bekunden, wie sie als Mentalitätsgeschichte und Geschichte 'von unten' auch auf den Sozialkörper Wehrmacht bezogen ihren Ausdruck finden" (XII). Vor dem Hintergrund der Goldhagen-Debatte, der Hamburger Wehrmachtsausstellung und des Urteils über Tucholskys Satz "Soldaten sind Mörder" geht es den Herausgebern vor allem darum, ein breitgefächertes und differenziertes Bild der Wehrmacht zu präsentieren, das keineswegs als vollständig bezeichnet wird, aber: "Wenn nur noch differenziert wird zwischen der kleinen Minderheit, die aktiven Widerstand geleistet hat, und der Mehrheit von 'willigen Vollstreckern', wenn als Erklärung für Passivität, Schweigen und Hilflosigkeit nur noch politisch-ideologische Zustimmung gelten soll, gar auf einen angeblich seit Jahrhunderten in Deutschland angelegten 'exterminatorischen' Antisemitismus zurückgeführt wird, ist schnell eine Verarmung der Argumentation und der Analytik erreicht. Die Grenzen wissenschaftlicher Redlichkeit können jedenfalls dort überschritten werden, wo die Begrenztheit des empirischen Befunds durch Spekulationen und fragwürdige Hypothesen gesprengt wird." (21) Der Sammelband ist keineswegs Verteidigung eines längst überkommenen Geschichtsbildes von der Wehrmacht. Die Aufsätze der namhaften Experten sind einerseits eine kritische Bestandsaufnahme bisheriger Forschung, sie weisen aber andererseits neue Wege der Militärgeschichte. Aus dem Inhalt: Rolf-Dieter Müller: Die Wehrmacht - Historische Last und Verantwortung. Die Historiographie im Spannungsfeld von Wissenschaft und Vergangenheitsbewältigung (3-35). I. Anspruch und Selbstverständnis der Wehrmacht: Hans-Erich Volkmann: Von Blomberg zu Keitel - Die Wehrmachtführung und die Demontage des Rechtsstaates (47-65); Karl-Heinz Janßen: Politische und militärische Zielvorstellungen der Wehrmachtführung (75-84). II. Die Wehrmacht im Urteil auswärtiger Mächte; III. Strategisches Denken, Professionalität und militärische Verantwortlichkeit der Wehrmachtführung: Karl-Heinz Frieser: Die deutschen Blitzkriege: Operativer Triumph — strategische Tragödie (182-196); Bernd Wegner: Defensive ohne Strategie. Die Wehrmacht und das Jahr 1943 (197-209); Michael Salewski: Die Abwehr der Invasion als Schlüssel zum "Endsieg"? (210-223); Heinrich Schwendemann: Strategie der Selbstvernichtung: Die Wehrmachtführung im "Endkampf" um das "Dritte Reich" (224-244); Marin van Creveld: Die deutsche Wehrmacht: eine militärische Beurteilung (331-345). IV. Zur Sozial- und Strukturgeschichte der Wehrmacht: Bernhard R. Kroener: "Frontochsen" und "Etappenbullen". Zur Ideologisierung militärischer Organisationsstrukturen im Zweiten Weltkrieg (371-384); Bernd Wegner: Anmerkungen zur Geschichte der Waffen-SS aus organisations- und funktionsgeschichtlicher Sicht (405-419); Hans-Ulrich Thamer: Die Erosion einer Säule. Wehrmacht und NSDAP (420-435). V. Mentalitäten und Kriegsalltag: Benjamin Ziemann: Fluchten aus dem Konsens zum Durchhalten. Ergebnisse, Probleme und Perspektiven der Erforschung soldatischer Verweigerungsformen in der Wehrmacht 1939-1945 (589-613). VI. Die Wehrmacht als Teil des NS-Unrechtsstaates: Reinhard Otto: Die Zusammenarbeit von Wehrmacht und Stapo bei der "Aussonderung" sowjetischer Kriegsgefangener im Reich (754-782); Jörg Osterloh: "Hier handelt es sich um die Vernichtung einer Weltanschauung ..." - Die Wehrmacht und die Behandlung der sowjetischen Gefangenen in Deutschland (783-802); Lutz Klinkhammer: Der Partisanenkrieg der Wehrmacht 1941-1944 (815-836); Jürgen Förster: Wehrmacht, Krieg und Holocaust (948-963). VII. Der Krieg und die Folgen: Peter Steinbach: "Die Brücke ist geschlagen". Die Konfrontation deutscher Kriegsgefangener mit der Demokratie in amerikanischer und britischer Kriegsgefangenschaft (980-1.011); Stefan Karner: Deutsche Kriegsgefangene und Internierte in der Sowjetunion 1941-1956 (1.012-1.036); Traugott Wulfhorst: Der "Dank des Vaterlandes" — Sozialpolitik und -verwaltung zur Integration ehemaliger Wehrmachtsoldaten und ihrer Hinterbliebenen (1.037-1.057); Jörg Echternkamp: Wut auf die Wehrmacht? Vom Bild der deutschen Soldaten in der unmittelbaren Nachkriegszeit (1.058-1.080); Ruth Bettina Birn: Wehrmacht und Wehrmachtangehörige in den deutschen Nachkriegsprozessen (1.081-1.099); Jürgen Danyel: Die Erinnerung an die Wehrmacht in beiden deutschen Staaten. Vergangenheitspolitik und Gedenkrituale (1.139-1.149); Peter Steinbach: Widerstand und Wehrmacht (1.150-1.170); Hans-Adolf Jacobsen: Wehrmacht und Bundeswehr - Anmerkungen zu einem umstrittenen Thema soldatischer Traditionspflege (1.184-1.191). Epilog: Hans-Erich Volkmann: Zur Verantwortlichkeit der Wehrmacht (1.195-1.222).
Axel Gablik (AG)
Dr., Historiker.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Axel Gablik, Rezension zu: Rolf-Dieter Müller / Hans-Erich Volkmann (Hrsg.): Die Wehrmacht. München: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7092-die-wehrmacht_9482, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 9482 Rezension drucken
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