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/ 15.10.2015
Markus Jüster

Die verfehlte Modernisierung der Freien Wohlfahrtspflege. Eine institutionalistische Analyse der Sozialwirtschaft

Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2015 (Forschung und Entwicklung in der Sozialwirtschaft 9); 563 S.; brosch., 119,- €; ISBN 978-3-8487-1448-3
Habilitationsschrift TU Dresden. – Die Freie Wohlfahrtspflege befindet sich ebenso wie der sie grundierende Sozialstaat seit nunmehr gut zwei Jahrzehnten im Umbruch – soweit die allseits bekannte Beobachtung, die Markus Jüster, nach Stationen in Augsburg, Bozen und München seit 2003 an der Hochschule Kempten tätig, als Ausgangspunkt für seine Habilitationsschrift gewählt hat. Nimmt man allein die Agenda 2010, ist dieser Sozialstaat eine Dauerbaustelle, die aufgrund knapper werdender (finanzieller und demografischer) Ressourcen und parteiideologischer Usancen den Charakter eines Gordischen Knotens angenommen hat. Aus der Perspektive der Akteure – hier die Wohlfahrtsverbände – reduziert sich diese Entwicklung allein auf die Frage der Kostenoptimierung. Das kann und muss damit erklärt werden, dass die kommunalen Strukturen die sich ihnen nun bietenden Möglichkeiten (Ausschreibungen etc.) nutzen, um ihre klammen Haushalte zu entlasten. Der sich hier abzeichnende Modernisierungsprozess rüttelt also, wie Jüster eindringlich zeigt, an einem Grundverständnis, das bis zur Sozialen Frage im 19. Jahrhundert zurückreicht und durch die Konzeption der sozialen Marktwirtschaft flankiert wird: Der Staat beauftragt die wohlfahrtsstaatlichen Verbände mit sozialpflegerischen Aufgaben und stellt entsprechende Mittel zur Verfügung. Im Gegenzug werden die staatlichen Strukturen entlastet. Dass diese Aufgabenteilung nicht länger finanzierbar ist, liegt womöglich auch an dem beträchtlichen Leistungsportfolio der Wohlfahrtsverbände, für das erhebliche Investitionsmittel (Personal, Liegenschaften etc.) anfallen. Die Verbände, politisch bestens vernetzt und von Brüssel kritisch beäugt, führen zu ihrer Verteidigung das Argument ihrer Gemeinnützigkeit und das Subsidiaritätsprinzip ins Feld. Dass sie im Gegenzug gerade deshalb erhebliche steuerliche Vorteile genießen, wird hier kaum thematisiert. Das moderne Kontrakt‑ und Budgetmanagement ist alles andere als neoliberal, auch wenn der „vollalimentierte Wohlfahrtsstaat“ (38) sicherlich seine Vorzüge hatte. Die Trägerverbände der freien Wohlfahrt sind auf einer Sinnsuche, die den Charakter des Sozialstaates verändert. Inwieweit das Soziale dadurch relativiert wird, steht auf einem anderen Blatt.
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Rubrizierung: 2.3432.331 Empfohlene Zitierweise: Martin Schwarz, Rezension zu: Markus Jüster: Die verfehlte Modernisierung der Freien Wohlfahrtspflege. Baden-Baden: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/38977-die-verfehlte-modernisierung-der-freien-wohlfahrtspflege_47218, veröffentlicht am 15.10.2015. Buch-Nr.: 47218 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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