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/ 20.06.2013
Frank Grelka

Die ukrainische Nationalbewegung unter deutscher Besatzungsherrschaft 1918 und 1941/42

Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2005 (Studien der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund 38); 507 S.; geb., 78,- €; ISBN 978-3-447-05259-7
Diss. Bochum; Gutachter: B. Bonwetsch. – Die nach Unabhängigkeit strebenden Ukrainer hätten als Dank für die Zusammenarbeit mit den Deutschen und als Gegner Russlands bzw. der Sowjetunion erwartet, eine Garantie für den Aufbau eines eigenen Nationalstaates zu erhalten. In beiden Kriegen allerdings, so das Ergebnis der Analyse, habe sich das Deutsche Reich der ukrainischen Frage zwar angenommen, aber keine politische Lösung angestrebt. „Durch die Anwesenheit deutscher Truppen boten sich Bedingungen für den Aufbau eines Staates, allerdings eines Vasallenstaates, dessen Existenz völlig vom kriegswirtschaftlichen Primat deutscher Ukrainepolitik abhängig war.“ (436) Bereits 1918 sei das ursprüngliche Kriegsziel, einen Cordon sanitaire aus deutschfreundlichen Ukrainern, Polen und Balten zu bilden, in den Hintergrund gerückt. Trotz bilateraler Verträge sei die Ukraine de facto besetzt gewesen, erwartet worden seien militärische Unterstützung sowie Lebensmittellieferungen. Das deutsche Vorgehen seit dem Sommer 1941 habe den Ukrainern überhaupt keine Hoffnungen mehr gelassen: Die Zusammenarbeit deutscher Stellen mit dem nationalistischen Untergrund sei die erste Stufe zur Ermordung der ostpolnischen und westukrainischen Juden gewesen. Die Nationalitätenpolitik des Deutschen Reiches habe nur der Verschleierung dafür gedient, dass der polnische Staat und die ukrainische Sowjetrepublik in eine koloniale Stammesgesellschaft verwandelt werden sollten. Grelka sieht zwischen den Fehleinschätzungen der Besatzungsmacht und denen der ukrainischen Nationalisten 1918 und 1941 eine Interdependenz, die ein Schlüssel zum Verständnis des beiderseitigen zweimaligen Scheiterns darstelle. Diese Interpretation geht allerdings fehl, da damit den Ukrainern ein Handlungsspielraum unterstellt wird, den sie insbesondere unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht hatten.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.12.612.3112.312 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Frank Grelka: Die ukrainische Nationalbewegung unter deutscher Besatzungsherrschaft 1918 und 1941/42 Wiesbaden: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25453-die-ukrainische-nationalbewegung-unter-deutscher-besatzungsherrschaft-1918-und-194142_29510, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29510 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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