/ 22.06.2013
Hans Joas
Die Sakralität der Person. Eine neue Genealogie der Menschenrechte
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2011; 303 S.; geb., 26,90 €; ISBN 978-3-518-58566-5Eine Geschichte der Menschenrechte, verfasst in rechtfertigender Absicht – so könnte man das Ziel von Joas’ lesenswertem Buch umschreiben. Der methodische Clou seiner Argumentation, auf den im Untertitel des Buches angespielt wird, besteht in der affirmativen Wendung des Stilmittels der „Genealogie“. Während genealogische Erzählungen in der Tradition Nietzsches und Foucaults für gewöhnlich einen entlarvenden Blick auf ihren Gegenstand werfen und in delegitimierender Absicht geschrieben werden, will Joas durch die narrative Rekonstruktion der Genesis der Menschenrechte ihre Geltung unterstützen. Er grenzt seinen Ansatz von philosophischen Begründungsunternehmen ab, die die Geltung der Menschenrechte von der ambivalenten Geschichte ihrer Durchsetzung ablösen und rein natur- oder vernunftrechtlich argumentieren. Folgerichtig lenkt Joas seinen Fokus auf die Etappen der Explikation und Durchsetzung der Menschenrechtsidee: die revolutionären Rechteerklärungen des ausgehenden 18. Jahrhunderts, die humanitären Reformbewegungen, die zur Abschaffung der Folter und zur Universalisierung des Würdebegriffs führten, die mühsame Integration der Menschenrechtsidee in die Lehren des Christentums und schließlich die Universalisierung des Menschenrechtsgedanken, wie sie an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 ablesbar ist. Diese teilweise fesselnd geschriebenen „Geschichten“ verdeutlichen Joas’ Anliegen: Für die Frage nach der Bedeutung der Menschenrechte in unserer Kultur ist nicht in erster Linie die Suche nach ihren ideengeschichtlichen Wurzeln – jüdisch-christliches Naturrecht vs. säkulare Aufklärung – oder nach ihrer rationalen Begründbarkeit relevant. Menschenrechte verdanken sich einem fortdauernden Gespräch über Werte. Dieses Gespräch nährt sich aus historisch-spezifischen Gewalt- und Missachtungserfahrungen und manifestiert sich in kulturellen Praktiken und Institutionen. Ohne diese praktischen Bezugspunkte im Auge zu behalten ist alles Nachdenken über Menschenrechte bloße Theorie.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.42 | 4.42
Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Hans Joas: Die Sakralität der Person. Frankfurt a. M.: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34492-die-sakralitaet-der-person_41427, veröffentlicht am 09.02.2012.
Buch-Nr.: 41427
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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