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/ 11.06.2013
Wolfgang Wessels

Die Öffnung des Staates. Modelle und Wirklichkeit grenzüberschreitender Verwaltungspraxis 1960-1995

Opladen: Leske + Budrich 2000; 496 S.; kart., 88,- DM; ISBN 3-8100-2575-5
Politikwiss. Habilitationsschrift Bonn; Gutachter: H.-P. Schwarz. - Wessels unternimmt den Versuch, eine empirisch gesättigte Analyse des vielfach zitierten Wandels des Staatsbegriffs durchzuführen. Dazu widmet er sich den Entwicklungslinien und Ausprägungen grenzüberschreitender Verwaltungspraxis seit den sechziger Jahren. Der Befund ist auf den ersten Blick eindeutig: In zunehmendem Maße nehmen Verwaltungsbeamte auf den unterschiedlichsten Ebenen ihre Aufgaben auch durch internationale Koordination oder in zwischenstaatlichen Gremien wahr. Diese Prozesse sieht Wessels als "Schlüsselelemente zum Verständnis von Staat und Verwaltung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts" (9), deren Analyse jedoch weitgehend ein Desiderat der Forschung darstelle. Davon ausgehend entwickelt Wessels mehrere theoretische Ansätze zur Erklärung des Phänomens, indem er fünf Staatsbilder (geschlossener, offener, atomisierter, diskreditierter Staat sowie fusionierter Mehrebenstaat) und die damit einhergehende Vorstellung des Stellenwerts der Verwaltung in diesen Staaten unterscheidet. Die dabei entwickelten Beziehungsgeflechte werden in Schaubildern als Interaktionsmodelle visualisiert. Dieser theoretischen Auffächerung folgt der Blick auf die Empirie der "Verwaltungsstränge" (151) von den Beamtengremien der Europäischen Gemeinschaft bis hin zu Interaktionssträngen der Kommunen. Die dabei erhobenen Daten liefern umfangreiches quantitatives Material von der Entwicklung internationaler Organisationen und der Zahl ihrer Mitarbeiter über die Menge an Beamtengremien in westeuropäischen Organisationen wie OECD, NATO oder Europarat bis hin zu Aufschlüsselungen der Expertengruppen der EU-Kommission. Grundsätzlich suchte Wessels eine hohe Genauigkeit der Daten zu erreichen, indem er etwa seinen Blick auch auf Sitzungshäufigkeit, Sitzungsdauer oder beispielsweise die Dienstreisekosten ausgewählter Bundesministerien lenkte. Neben den offiziellen Selbstdarstellungen und Jahresberichten der untersuchten Gremien führte Wessels auch eigene Recherchen und eine Reihe von Interviews mit Fachleuten aus internationalen Organisationen oder nationalen Ministerien durch. Der Vergleich zwischen der Empirie und Theorie der Verwaltungspraxis endet für Wessels mit keiner eindeutigen Bevorzugung eines theoretischen Modells. Statt dessen plädiert er für eine Mischung verschiedener Ansätze. Insgesamt erscheint ihm aber das Bild des offenen Staates mit kooperativer Verwaltung nützlicher bei der Erklärung der beobachteten Entwicklungen als Vorstellungen einer supranationalen Verwaltung auf der einen und abgeschotteten Verwaltung auf der anderen Seite. Ein Verschwinden des Staates sei damit jedoch nicht gegeben, da "die Administration als Instrument staatlichen Handelns ihren Handlungsraum erweitert hat, ohne damit den Staat als Bezugsgröße aufzugeben" (432). Gleichwohl betont Wessels auch den Trend hin zu einer "Entparlamentarisierung" (422) der Staatspraxis mittels "administrative[n] Regieren[s]" (434).
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.214.12.32.3254.3 Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Wolfgang Wessels: Die Öffnung des Staates. Opladen: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10280-die-oeffnung-des-staates_12162, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 12162 Rezension drucken
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