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/ 22.06.2013
Reiner Grundmann / Nico Stehr

Die Macht der Erkenntnis

Berlin: Suhrkamp 2011 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1990); 318 S.; 14,- €; ISBN 978-3-518-29590-8
Die beiden Autoren untersuchen den Zusammenhang zwischen der Wissensentwicklung und ihrer praktischen, insbesondere politischen Wirkmacht. Dass die Frage nicht neu ist und faktisch sogar bis in die Antike zurückverfolgt werden kann, hat viele Gründe – in jüngerer Zeit (der Zeit von Kürzungen in Bildung und Forschung) vor allem die Suche der Wissenschaft nach einem zeitgemäßen Selbstverständnis und damit verbunden auch nach Selbstlegitimation. Nichtsdestotrotz fallen die Antworten auf die Frage, warum die Wissenschaft für die Praxis relevant ist, meist recht banal aus: weil der Erfolg wissenschaftlicher Anwendungen (insbesondere im technischen Bereich) dies bereits bewiesen habe. Das hat jedoch zum einen wenig mit einem ausgeprägten Selbstverständnis zu tun, zum anderen beantwortet es noch nicht die Frage, warum Wissen in einem Fall erfolgreich ist, in anderen Fällen nicht. Vor diesem Hintergrund untersuchen die Autoren im Detail die Zusammenhänge zwischen dem Wissen und seiner politischen Umsetzung an den Fallbeispielen Rassenpolitik, keynesianische Wirtschaftssteuerung und Klimapolitik. Auf eindeutige und endgültige Antworten wartet man auch in diesem Buch vergebens, allein schon, weil die diskutierten Fälle deutlich machen, dass eine nicht unbedeutende Anzahl von potenziell einflussreichen Variablen zu berücksichtigen ist. Will man die Erkenntnisse des Buches ansatzweise zusammenfassen, so lässt sich zumindest sagen, dass die Rolle von Krisen im Vorfeld radikal neuer, wissensgestützter politischer Maßnahmen nicht zu unterschätzen ist. Zwar mag das Ausmaß der Krise zu Beginn der 1930er- Jahre (also im Vorfeld der Hitler’schen Rassenpolitik) objektiv gesehen nicht größer gewesen sein als die gegenwärtige Klimakrise, dass eine scheinbar wissenschaftlich legitimierte Rassenpolitik jedoch in kurzer Zeit „erfolgreich“ umgesetzt werden konnte, während dies bei der Klimapolitik kaum der Fall ist, hat mehr mit der sozialen Konstruktion dieser Krisen und der politischen Konstruktion der (Un-)Eindeutigkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse zu tun. Das Buch bietet willkommene Denkanstöße und lässt zugleich die Richtung eines neuen wissenschaftlichen Selbstverständnisses offen – aber Letzteres sollte auch nicht allein auf wissenschaftlicher Erkenntnis beruhen.
Björn Wagner (BW)
Dipl.-Politologe, Doktorand und Lehrbeauftragter, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.25.425.454.454.32.3 Empfohlene Zitierweise: Björn Wagner, Rezension zu: Reiner Grundmann / Nico Stehr: Die Macht der Erkenntnis Berlin: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34201-die-macht-der-erkenntnis_41036, veröffentlicht am 29.03.2012. Buch-Nr.: 41036 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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