/ 19.06.2013
Karen Pfundt
Die Kunst, in Deutschland Kinder zu haben
Berlin: Argon 2004; 350 S.; 18,90 €; ISBN 3-87024-593-XWarum sind in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern wenige Frauen erwerbstätig, gleichzeitig aber sinkt die Geburtenrate? Die Journalistin Pfundt ist dieser Entwicklung in einer vergleichenden Studie nachgegangen, denn in Frankreich, Schweden und Dänemark ist in den vergangenen Jahrzehnten der Trend entgegengesetzt verlaufen: Dort arbeiten die meisten Frauen größtenteils sogar Vollzeit, aber die Geburtenraten sind zufriedenstellend. Bei der Beantwortung der Frage nach dem Verhältnis von Erwerbstätigkeit und Gebärfreudigkeit gerät schnell die Gleichstellung der Frauen in den Blick. In Frankreich, Schweden und Dänemark wird in der Familien- und Bildungspolitik, mit der Steuergesetzgebung und im Arbeitsrecht seit Jahrzehnten das erklärte Ziel verfolgt, den Frauen einen ungehinderten Zugang zum Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Schon für Krippenkinder wird ein Betreuungssystem angeboten, das die Eltern ohne schlechtes Gewissen akzeptieren. Die Erzieherinnen, Kindergärtnerinnen und Tagesmütter sind durchweg besser ausgebildet als in Deutschland, wo ohnehin Bildung und Erziehung voneinander getrennt gesehen werden - für Letzteres gelten die Mütter als zuständig. Pfundt sieht in diesem System, das sich mit der anderswo undenkbaren Halbtagsschule fortsetzt, nicht nur eine Benachteiligung der Frauen, die oftmals gezwungenermaßen dem Arbeitsmarkt fernbleiben, sondern auch der Kinder. Spätestens seit der PISA-Studie sei nicht mehr zu bestreiten, dass die deutsche Halbtagsschule soziale Unterschiede festschreibe statt ausgleiche. Ein halber Tag sei zu kurz, um allen Kindern eine gute Förderung zukommen zu lassen. Die scheinbare Wahlfreiheit in Deutschland stelle die Frauen de facto vor den Zwang, sich zwischen Arbeit oder Kind zu entscheiden. Das Risiko aber, in Zeiten zahlreicher Ehescheidungen und unsicherer wirtschaftlicher Lage auf ein eigenes Einkommen zu verzichten, wollen immer weniger Frauen eingehen. Hervorgebracht wurde dieser Trend zur Kinderlosigkeit zudem bereits 1957 mit der Rentenreform: „Wer keine Kinder bekam, konnte sogar mehr zur Seite legen und wurde später von den Rentenbeiträgen der Kinder anderer Leute durchgefüttert." (127)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.36 | 2.342 | 2.343
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Karen Pfundt: Die Kunst, in Deutschland Kinder zu haben Berlin: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20846-die-kunst-in-deutschland-kinder-zu-haben_24310, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 24310
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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