/ 21.06.2013
Eric Voegelin
Die Krise. Zur Pathologie des modernen Geistes. Hrsg. von Peter J. Opitz. Aus dem Englischen von Dora Fischer-Barnicol, Anna E. Frazier, Peter Leuschner, Peter J. Opitz, Michaela Rehm, Nils Winkler
München: Wilhelm Fink Verlag 2008 (Periagoge: Texte); 442 S.; brosch., 59,- €; ISBN 978-3-7705-4390-8Im deutschsprachigen Bereich politischer Theorie haben die Arbeiten Eric Voegelins nur begrenzte Resonanz gefunden. Von seinem weit gespannten Werk, das sich durchgängig mit politischen Ideen befasste, sind vor allem die „New Science of Politics“ (1952) und die mehrbändige „Order and History“ (dt. 2001 ff.) rezipiert worden. Bisher weitgehend unbekannt geblieben ist die zwischen 1939 und 1955 entstandene „History of Political Ideas“. Deren Schlussteil erscheint hier in der von Opitz betreuten Werkausgabe des Fink Verlags. Die Krise des modernen Geistes zeichnet Voegelin als einen Prozess nach, der mit dem 18. Jahrhundert einsetzte und in Gestalt unterschiedlicher millenarischer Ideen kommunistischer und nationalsozialistischer Provenienz zu den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts führte. Die Kontinuität dieses Prozesses beruht auf den Gemeinsamkeiten der Versuche, kollektiv verbindliche Antworten auf jene Konstellation zu finden, die mit der entstehenden Pluralität von Kirchen und souveränen Staaten den Zusammenbruch der mittelalterlichen Ordnung markierte. Dabei sind der Materialismus der Leidenschaften und Triebe (Helvetius), die positivistische Verklärung des Szientismus (Comte) und die heilsgeschichtliche Mythisierung der Revolution (Marx) die entscheidenden Phasen jener ideengeschichtlichen Entwicklung, an deren Ende die typisch moderne, von Rationalismus, Pragmatismus und Utilitarismus geprägte Mentalität steht. Das Pathologische dieser Entwicklung sieht Voegelin – wie wir heute sagen könnten – in dem zugrundeliegenden Personenkonzept, das die menschliche Substanz in ihrer Verschränkung von Sozialem und Biologischem dem instrumentellem Zugriff technischer Verbesserung preisgibt. Jenseits der Zuordnungen, die sein Denken mit Etikettierungen wie normativ-ontologisch, essentialistisch oder wert-konservativ gefunden hat, verfügt Voegelins Diagnose der von ihm als „artificiality in politics“ bezeichneten Prozesse der Instrumentalisierung des Menschen in der Ära biotechnologischer Eingriffe und neo-liberaler Regierungstechnologien über eine bemerkenswerte Aktualität.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.46
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Eric Voegelin: Die Krise. München: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28819-die-krise_33998, veröffentlicht am 11.06.2008.
Buch-Nr.: 33998
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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