/ 18.06.2013
Gret Haller
Die Grenzen der Solidarität. Europa und die USA im Umgang mit Staat, Nation und Religion
Berlin: Aufbau-Verlag 2002; 288 S.; geb., 20,- €; ISBN 3-351-02537-8Die Autorin war lange als Parlamentarierin sowohl in der Schweiz als auch in den Parlamentarischen Versammlungen des Europarates und der OSZE tätig und arbeitete später als Schweizer Botschafterin beim Europarat. Von 1996 bis 2000 war sie dann als Ombudsfrau für Menschenrechte von Bosnien und Herzegowina in Sarajewo. Häufige Missverständnisse und grundlegend andere Herangehensweisen zwischen europäischen und amerikanischen Mitarbeitern internationaler Hilfsorganisationen weckten während dieser Zeit ihr Interesse an den Unterschieden im Verständnis von zentralen Begriffen wie Staat, Nation, Religion oder Recht zwischen Europa und den Vereinigten Staaten. Die Wurzeln dieser Unterschiede macht sie in historischen Entwicklungen aus, die zu einem jeweils anderen Verständnis des Verhältnisses zwischen Staat und Religion führten und moralischen Überzeugungen einen sehr viel höheren Stellenwert in den USA als in Europa gaben. Die europäische Rechtsordnung beruht auf einem individuellen Souveränitätsverzicht. Im amerikanischen Denken herrscht jedoch ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Staat vor: Die Staatsordnung zielt vor allem auf den Schutz vor zu viel Staat ab. Auch die amerikanische Rechtsordnung beruht im Grundsatz auf einem horizontalen Gesellschaftsvertrag, während Europa noch ein Drittes, nämlich den Staat, kennt und diesem "das Recht in der Form einer systematischen Ordnung anvertraut" (86). In ihrem sehr anregenden, verständlich geschriebenen Buch thematisiert Haller sowohl diese grundsätzlichen Unterschiede als auch die Folgen, die sich daraus ergeben. Sie hält zehn Jahre nach dem Ende des Ost‑West‑Konflikts die Zeit dafür gekommen, die versteckten Unterschiede im politischen und rechtlichen Denken zwischen Europa und der USA zu thematisieren. Ihr Ziel ist dabei jedoch nicht zu zeigen, dass eine Denkweise besser ist. Sie ruft vielmehr die Europäer dazu auf, sich auf ihr staatspolitisches Verständnis zu besinnen und ihre eigene staatspolitische Identität zu benennen, um als Europäer gegenüber den Vereinigten Staaten handlungsfähig bleiben zu können.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.2 | 4.41 | 2.61 | 2.64 | 4.1
Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Gret Haller: Die Grenzen der Solidarität. Berlin: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17799-die-grenzen-der-solidaritaet_20526, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 20526
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M. A., Politikwissenschaftler.
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