/ 05.06.2013
Sabine Moller
Die Entkonkretisierung der NS-Herrschaft in der Ära Kohl. Mit einem Vorwort von Joachim Perels
Hannover: Offizin 1998 (Diskussionsbeiträge des Instituts für Politische Wissenschaft der Universität Hannover 24); 155 S.; 16,80 DM; ISBN 3-930345-15-3Mollers Arbeit will belegen, "daß der Nationalsozialismus in der geschichtlichen Darstellung [während der Ära Kohl] systematisch entkonkretisiert" wurde (12). Dazu untersucht sie die Konzeption, Planung und Umsetzung der Gedenkstätte in der Neuen Wache sowie des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas wird hingegen nur in einem knappen Exkurs behandelt. Problematisch ist die teilweise bewußte Zuschreibung gewisser Tendenzen auf die Person des Bundeskanzlers durch die Formel von der "Ära Kohl". Im Literaturverzeichnis finden sich nur drei Reden Kohls; statt dessen wird in bezug auf die Neue Wache des öfteren Alfred Dregger zitiert. Wenn der Begriff der Ära aber nur eine zeitliche Eingrenzung sein sollte, dann gehört die meist als positives Gegenbild zitierte Rede des Bundespräsidenten zum 8. Mai 1985 ebenso zur Ära Kohl wie die Äußerungen Dreggers. Ein einheitliches Muster der "Entkonkretisierung" ließe sich dann aber nicht feststellen. Gleichwohl verweist Moller berechtigterweise auf einige problematische Aspekte in Konzeption und Umsetzung von Mahnmal und Museum. Trotz der berechtigten Kritik der Autorin am Verfahren zu Planung und Gestaltung der beiden historischen Stätten sind diese Punkte aber nicht samt und sonders der Person Helmut Kohls anzurechnen. Im Zusammenhang mit Mollers Kritik an der Ausklammerung des Nationalsozialismus und der personellen Kontinuitäten in der Bundesrepublik im Haus der Geschichte wäre eine breitere Würdigung des Deutschen Historischen Museums wünschenswert gewesen. Diese beiden Museumsprojekte der achtziger Jahren wurden bewußt auch als komplementäre Einrichtungen gesehen, da das Deutsche Historische Museum eben nicht auf die Geschichte der Bundesrepublik beschränkt ist. Moller resümiert: "Das, was sich in den beiden Projekten [Neue Wache und Haus der Geschichte] zeigt, sind die Züge eines Entkonkretisierungsvorgangs, der die Zeit des Nationalsozialismus beständig ihrer individuellen und organisierten Akteure beraubt, der es gleichwohl aber auch ermöglicht, daß man sich mit Pathos und Betroffenheit gegen Krieg und Gewaltherrschaft aussprechen kann." (140) Hierin deutet sich an, daß der ausschließliche Blick auf Mahnmal und Museum den hohen Stellenwert historischer Verantwortung etwa für Kohls Engagement in der Europapolitik vernachlässigen würde.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 2.35 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Sabine Moller: Die Entkonkretisierung der NS-Herrschaft in der Ära Kohl. Hannover: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7410-die-entkonkretisierung-der-ns-herrschaft-in-der-aera-kohl_9866, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 9866
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Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
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