/ 21.06.2013
Christian Lotz
Die Deutung des Verlusts. Erinnerungspolitische Kontroversen im geteilten Deutschland um Flucht, Vertreibung und die Ostgebiete (1948-1972)
Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2007 (Neue Forschungen zur Schlesischen Geschichte 15); X, 327 S.; geb., 37,90 €; ISBN 978-3-412-15806-4Diss. Stuttgart; Gutachter: J. Bahlcke. – Welche Deutungen der Vertreibung waren in den fünfziger und sechziger Jahren in Ost- und Westdeutschland vorherrschend? Lotz’ Absicht ist es, von diesem gesamtdeutschen Ansatz aus auch ein wenig Klarheit über die Hintergründe gegenwärtiger Debatten – etwa über das in Berlin geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“ – herzustellen. Die Konflikte um die Erinnerung an die Vertreibung der Deutschen nach Kriegsende aus Osteuropa zeichnet er dazu anhand der „Überlieferungsstränge“ (263) verschiedener Organisationen nach, dazu gehören die Landsmannschaft Schlesien, die Evangelische Kirche von Schlesien (Görlitz), die Gemeinschaft evangelischer Schlesier (Hannover) sowie die von der SED gestützte Helmut-von-Gerlach-Gesellschaft im Ostteil Berlins und in Düsseldorf, die SED selbst und zwei Bundesministerien. Lotz stellt bis 1956/57 eine Festigung der jeweiligen Positionen fest: Im Westen galt die Lesart, den Vertriebenen sei Unrecht angetan worden, im Osten die, dass es sich bei den ehemaligen deutschen Gebieten um ordnungsgemäß geräumtes polnisches Gebiet handelt. Gemeinsam war beiden Deutungen, dass sie vom Nationalstaat ausgingen. Die zunehmende Politisierung des Themas durch die SED auf der einen Seite und den Landsmannschaften auf der anderen führte allerdings in den sechziger Jahren zu einer unfreiwilligen Allianz mit gegenteiligem Effekt – langfristig wurde „die Erinnerung schrittweise aus der öffentlichen Diskussion hinausgedrängt“ (268). Die Argumentationen liefen in der Öffentlichkeit zunehmend ins Leere, im Osten wurde zudem sowieso jede Aktivität der Vertriebenen unterbunden. Und im Westen waren sie nicht nur als mittlerweile in die Gesellschaft Integrierte kein Thema mehr, sondern auch infolge der Aufarbeitung der Vergangenheit. Zunehmend wurde die Vertreibung „nun aus dem Ursachenzusammenhang des von deutscher Seite begonnenen und insbesondere im Osten mit bis dahin ungekannter Härte geführten Krieges gedeutet“ (269).
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.313 | 2.331 | 2.35 | 2.314 | 2.322
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Christian Lotz: Die Deutung des Verlusts. Köln/Weimar/Wien: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/27369-die-deutung-des-verlusts_32045, veröffentlicht am 03.04.2008.
Buch-Nr.: 32045
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