/ 20.06.2013
Norberto Fuentes
Die Autobiographie des Fidel Castro. Für die deutsche Ausgabe eingerichtet und aus dem Spanischen übertragen von Thomas Schultz
München: C. H. Beck 2006; 757 S.; geb., 29,90 €; ISBN 978-3-406-54216-9Vielleicht ist das Buch vor allem deshalb so gut gelungen, weil der Schriftsteller Fuentes jahrzehntelang die Gedankenwelt Castros teilte und selbst zur kubanischen Elite gehörte. Als 18-Jähriger beteiligte er sich kämpfend und schreibend an der Revolution, arbeitete dann als Journalist und überwarf sich erst mit dem Regime, als zwei seiner Freunde nach Schauprozessen hingerichtet wurden. Nach einem Hungerstreik und auf Vermittlung von Gabriel García Márquez durfte Fuentes 1994 ausreisen und lebt heute in Miami. Diese fiktive Autobiografie, in der er das Innenleben Castros in der Ich-Form offenlegt, ist aber keine blinde Abrechnung eines Exilanten. Überzeugend und ohne moralische Wertung wird der Diktator zwar als Zyniker und Machtmensch porträtiert, der allerdings – und dies macht das Buch inhaltlich überhaupt erträglich – zu Ironie und Selbstkritik fähig ist. Für die deutsche Ausgabe wurde das eigentlich zweibändige, etwa 2000 Seiten umfassende Werk stark gekürzt und dies offensichtlich leider vor allem in den Kapiteln über die Zeit nach der Revolution. So liegt der Schwerpunkt auf deren Vorgeschichte und Anfängen. Was dabei nicht entschlüsselt wird, sind die Motive Castros, überhaupt die Revolution voranzutreiben. Die Beschreibung Fuentes’ legt aber nahe, dass Castro keine tiefgründigen Absichten hegte, sondern für sein Ego den passenden Rahmen suchte und fand. Entlang nachprüfbarer Fakten (deren Kenntnis bei der Lektüre von Vorteil sind) ist die Gedankenwelt Castros so überzeugend geraten, dass man sich ihre Fiktionalität immer wieder in Erinnerung rufen muss. Man hätte nur noch gerne gewusst, ob Castro Che Guevara wirklich nur für einen nützlichen Trottel gehalten hat, der vor allem durch seinen Tod der Revolution diente.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.1 | 2.65 | 2.25
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Norberto Fuentes: Die Autobiographie des Fidel Castro. München: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25560-die-autobiographie-des-fidel-castro_29649, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 29649
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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