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/ 22.06.2013
Thilo Sarrazin

Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen

Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 2010; 463 S.; 22,99 €; ISBN 978-3-421-04430-3
Sarrazin hat eine zutiefst politische Polemik geschrieben, die auf zwei Annahmen basiert. Erstens schrumpfe die deutsche Gesellschaft aufgrund zu geringer Reproduktionsraten, insbesondere der gebildeten Mittel- und Oberschicht. Zweitens nehme der Anteil der für die Gesellschaft unproduktiven Menschen zu. Zunächst setzt er die wirtschaftliche und demografische Entwicklung Deutschlands historisch und international in Bezug. Danach erörtert er die sinkende Leistungsfähigkeit deutscher Schüler und den (vermeintlichen) Zusammenhang von Intelligenz und Schichtzugehörigkeit. Die überdurchschnittliche Reproduktionsrate der unteren Schichten sorge in Kombination mit deren schlechtem schulischen Abschneiden für eine graduelle Senkung der durchschnittlichen Intelligenz, behauptet Sarrazin. Nach einer harschen Kritik am Umgang des deutschen Sozialstaats mit der Armut diskutiert er die Anreize, die in Deutschland gesetzt werden, um eine reguläre Arbeit aufzunehmen und nicht in die Grundsicherung abzurutschen. Er urteilt, dass die Forderungen, die an erwerbsfähige Arbeitslose gestellt werden, in einem gravierenden Missverhältnis zu den gebotenen Leistungen stehen und deshalb stärker steuernd eingegriffen werden müsse. Dies gelte ebenso im Bildungsbereich: Die Ganztagesbetreuung bereits von den Kitas an müsse deutlich ausgebaut werden. Sie soll insbesondere für Kinder mit Migrationshintergrund stärker auf die grundlegenden Kulturtechniken ausgelegt werden, denn Sarrazins Analyse zufolge sind speziell die Migranten islamischen Glaubens überdurchschnittlich fruchtbar, unterdurchschnittlich in den regulären Arbeitsmarkt integriert und schulisch weniger leistungsfähig. Hier fordert er ein härteres Vorgehen gegen das unsanktionierte Ausnutzen der Sozialsysteme. Im letzten inhaltlichen Kapitel plädiert er dafür, politisch die negativen Trends umzukehren, für mehr Geburten in den oberen Schichten zu sorgen und die Einwanderung unproduktiver Menschen nach Deutschland zu beenden. Sarrazin hat ein faktenbasiertes und mit zugespitzten Formulierungen gespicktes Buch geschrieben, in dem er mehr Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen fordert. Lässt man sich auf seine beiden politischen Setzungen ein – jeder Staat hat das Recht, über Zuzug frei zu entscheiden, und die Bewahrungswürdigkeit der deutschen Kultur – wird der Band zu einer hochkontroversen Streitschrift über die Zukunft Deutschlands.
Matthias Seifert (MSE)
Politikwissenschaftler, Lehrer für Gemeinschaftskunde und Englisch, Gymnasium Englisches Institut Heidelberg.
Rubrizierung: 2.32.352.3432.331 Empfohlene Zitierweise: Matthias Seifert, Rezension zu: Thilo Sarrazin: Deutschland schafft sich ab. Stuttgart: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33033-deutschland-schafft-sich-ab_39460, veröffentlicht am 08.12.2010. Buch-Nr.: 39460 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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