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/ 21.06.2013
Hans-Ulrich Wehler

Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Fünfter Band: Bundesrepublik und DDR 1949-1990

München: C. H. Beck 2008; XVII, 529 S.; Ln., 34,90 €; ISBN 978-3-406-52171-3
Mehr als 20 Jahre liegen zwischen dem Erscheinen des ersten Bandes und dem fünften, mit dem Hans‑Ulrich Wehler seine „Deutsche Gesellschaftsgeschichte“ jetzt abgeschlossen hat. Das Gesamtwerk besticht nicht allein durch den behandelten Zeitraum (1700 – 1990), sondern vor allem, weil Wehler seiner Synthese durchgehend eine gesellschaftstheoretisch informierte Strukturierung zugrunde gelegt hat. Seine Interpretation des Stoffes ist weberianisch in zweifacher Hinsicht. Zum einen orientiert er sich an den Dimensionen Wirtschaft, Herrschaft, Kultur und soziale Ungleichheit, mit denen Weber den europäischen Rationalisierungsprozess analysiert hat, zum anderen folgt Wehler in Grundzügen dessen Modernisierungstheorie. Beide Perspektiven prägen die Behandlung der deutsch‑deutschen Geschichte zwischen 1949 und 1990, die der Autor in das Konzept des „kurzen 20. Jahrhunderts“ (Hobsbawm) einordnet. Die 90er‑Jahre markieren – nicht allein, aber doch wesentlich aufgrund der Auflösung der Sowjetunion – die Zäsur einer Epoche, an deren Ende Deutschland trotz seines „Sonderweges“ als fest etabliert im westlichen Kulturkreis erscheint. Vor diesem Hintergrund beschreibt Wehler die „erstaunliche Erfolgsgeschichte der alten Bundesrepublik“ (437) weniger als Politik‑ sondern als Sozialgeschichte, in der sich in Westdeutschland alle wesentlichen Modernisierungsprozesse durchzusetzen vermochten. Demgegenüber habe die kurzlebige Existenz der DDR – in letzter Instanz eine sowjetische Satrapie – in jeder Hinsicht in eine Sackgasse geführt. Aber auch wenn die alte Bundesrepublik als der zukunftsfähige Neustaat gelten kann, so hat doch die Rückkehr Ostdeutschlands in den Westen alte Problem verschärft und neue aufgeworfen. Dazu zählt Wehler zum einen die aufgrund der Marktdynamik zunehmende soziale Ungleichheit, zum anderen das durch Zuwanderung entstehende neue Phänomen eines ethnischen Subproletariats, in dem der Einfluss eines fundamentalistischen Islamismus um sich greifen könnte.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.312.3132.314 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. München: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/29694-deutsche-gesellschaftsgeschichte_35166, veröffentlicht am 26.02.2009. Buch-Nr.: 35166 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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