/ 21.06.2013
Evelyn Völkel
Der totalitäre Staat – das Produkt einer säkularen Religion? Die frühen Schriften von Frederick A. Voigt, Eric Voegelin sowie Raymond Aron und die totalitäre Wirklichkeit im Dritten Reich
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2009 (Extremismus und Demokratie 18); 455 S.; brosch., 59,- €; ISBN 978-3-8329-3806-2Diss. Chemnitz; Gutachter: E. Jesse. – Mit der angenommenen Rückkehr der Religion wird auch der Ansatz der politischen Religionen neu diskutiert, so auch in dieser Studie. Der Totalitarismus wird als Religionsersatz mit innerweltlicher Erlösung eines Paradieses auf Erden infolge des Gottesverlusts in der säkularen Moderne verstanden. Völkel führt zunächst vergleichend in die schon gegen Ende der 30er-Jahre vorgelegten Ansätze von Voegelin, Aron und Voigt ein. Danach unterzieht sie diese Theorien einem empirischen Test an der totalitären Wirklichkeit des Nationalsozialismus: War dieser als Massenphänomen eher eine „Gefälligkeitsdiktatur“ (so Aly: Hitlers Volksstaat, 2005) oder doch „politische Religion“ (siehe Bärsch, 2. Aufl., 2002), hat also „die ‚normale’ deutsche Bevölkerung“ an das Ideologieamalgam aus „Antisemitismus, Rassismus/Eugenik und [...] Krieg(sphilosophie)“ (37) im Sinne einer neuen Religionsstiftung mit diesseitigem Heilsversprechen geglaubt? Völkel kommt u. a. zu dem Ergebnis: „Das ‚Dritte Reich’ ist das Produkt eines religionsähnlichen Glaubens, der jedoch nicht einer [...] säkularen Religion entspricht. [...] Von einer Religiosität Hitlers, Rosenbergs und Goebbels' ist dennoch zwingend auszugehen, um ihr politisches Handeln nachzuvollziehen“ (400). Für die Deutschen habe der Nationalsozialismus im Kern einen charismatischen Personenkult dargestellt, die Mehrheit habe dabei nicht an eine Erlösung gedacht. Auch ein „genereller Transzendenzverlust“ im Sinne von Voigt, Voegelin und Aron könne „nicht nachgewiesen werden [...] Ein Leben ohne Gott vermochte sich nicht einmal Rosenberg oder Hitler vorzustellen“ (414). Das „kulturstiftende Christentum“ sei also nicht vollständig verdrängt worden, vielmehr stehe der „nationalsozialistische Glaube“ hiermit in direkter Verbindung, wenn auch als „pervertierte Form“ (417).
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 5.43 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Evelyn Völkel: Der totalitäre Staat – das Produkt einer säkularen Religion? Baden-Baden: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30798-der-totalitaere-staat--das-produkt-einer-saekularen-religion_36596, veröffentlicht am 08.07.2009.
Buch-Nr.: 36596
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Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
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