/ 11.06.2013
Lothar Gruchmann / Reinhard Weber (Hrsg.)
Der Hitler-Prozess 1924. Wortlaut der Hauptverhandlung vor dem Volksgericht München I. Teil 4: 19.-25. Verhandlungstag
München: K. G. Saur Verlag 1999 (Hitler: Reden, Schriften, Anordnungen); XII, 441 S.; geb., 128,- DM; ISBN 3-598-11355-2Zu wissen, daß Hitler den Prozeß vor dem bayerischen Volksgericht, in dem er für seinen gescheiterten Putsch-Versuch von 1923 zur Verantwortung gezogen werden sollte, als Bühne für die politische Selbstdarstellung mißbrauchen konnte, ist das eine; etwas anderes ist es, selbst nachlesen zu können, mit welcher Unverfrorenheit Hitler dabei zu Werke ging und welche Unterstützung ihm durch eine Justiz zuteil wurde, die seinem Selbstbehauptungswillen nichts entgegenzusetzen wußte. Der Saur Verlag, der sich in Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte schon durch eine Reihe von Editionen zum Thema Nationalsozialismus verdient gemacht hat, legt mit dieser vierbändigen Ausgabe die kompletten Protokolle der 25tägigen Hauptverhandlung des Hitler-Prozesses vor. Da die Prozeßakten selbst im April 1945 bewußt vernichtet wurden, kommt den Protokollen besondere Bedeutung für die Hitler-Forschung zu; sie sind aber auch für den interessierten Laien aufschlußreich. Ihre Lektüre vermittelt einen Eindruck von der spannungsgeladenen politischen Atmosphäre, innerhalb derer Hitler agieren und reüssieren konnte - eine generelle Politisierung, die zum Teil auch die Justiz ergriffen hatte und sie deshalb zu einem stumpfen Instrument im Abwehrkampf gegen den politischen Extremismus werden ließ.
Den Dokumenten selbst sind zwei kurze Abhandlungen vorausgestellt: Über die Hintergründe von Entstehung und Zweck der bayerischen Volksgerichte, deren Rechtsgrundlage zur Zeit des Hitler-Prozesses de facto schon geschwunden war, informiert Gritschneder; die allgemeinen historischen Umstände, denen sich der Aufstieg Hitlers verdankt, resümiert ein Artikel von Gruchmann. Mit dieser Vorinformation erschließt sich der Text der Protokolle noch besser; eine weitere Verständnishilfe bieten Fußnoten, die an gegebener Stelle Erläuterungen zu genannten Personen oder Sachverhalten bieten. Mit der Übersicht über die Verhandlungstage und dem Personenregister (beides im vierten Band abgedruckt) läßt sich zudem gezielt suchen. Suchen muß man allerdings auch das Urteil, das sich nicht, wie erwartet, am Ende des letzten Verhandlungstages, sondern in der Dokumentensammlung findet, die dem ersten Band beigegeben ist. Insgesamt ist diese Edition uneingeschränkt zu empfehlen - sie ist die Dokumentation eines ebenso aufregenden wie tragischen Kapitels der deutschen Geschichte.
Barbara Zehnpfennnig (BZ)
Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 2.312 | 2.311
Empfohlene Zitierweise: Barbara Zehnpfennnig, Rezension zu: Lothar Gruchmann / Reinhard Weber (Hrsg.): Der Hitler-Prozess 1924. München: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10782-der-hitler-prozess-1924_12750, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12750
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Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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