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/ 20.06.2013
Matthias Rüb

Der atlantische Graben. Europa und Amerika auf getrennten Wegen

Wien: Paul Zsolnay Verlag 2004; 207 S.; 17,90 €; ISBN 3-552-05321-2
Die Diagnose ist nicht mehr neu, aber der FAZ-Journalist Rüb stellt sie pointiert dar und untermauert sie in vielfacher Hinsicht: Zwischen den einstigen engen Partnern im Kalten Krieg hat sich ein tiefer Graben aufgetan. Die wachsende Entfremdung beschreibt er im Sinne einer Bestandsaufnahme, die mit der Illusion aufräumen soll, dass es wieder so werden könne, wie es einmal war. Rüb zeichnet schonungslos nach, wie weit sich Europa und die USA hinsichtlich ihrer Einstellungen zur Außen- und Sicherheitspolitik, zu Militärmacht und Weltherrschaft, zu Nation und Religion auseinander entwickelt haben. Er bewundert die Integrationskraft der amerikanischen Gesellschaft und die Dynamik, die dadurch sowohl auf die Wirtschaft als auch auf die Politik ausstrahle. Die Unterschiede zwischen Europa und Amerika seien jedoch nirgends augenfälliger als in der beiderseitigen Einstellung zur Religion: hier eine ausgeprägte Abkehr vom Glauben, dort eine zunehmende Hinwendung. Dies trage wesentlich zum wechselseitigen Unverständnis bei. Auch auf genuin politischem Gebiet herrsche eine überraschende Unkenntnis über die Amerikaner, wie die fundamentalen Meinungsverschiedenheiten im Vorfeld und im Gefolge des Irak-Krieges deutlich gemacht hätten. Rüb wendet sich gegen die oft gehörte These, mit Bush, und besonders nach dem 11. September 2001, sei ein Bruch in der US-Außenpolitik gekommen: „Ist es nicht vielmehr so, daß die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik nach dem epochalen Einschnitt des 11. Septembers 2001 recht präzise dem Muster des Denkens und Handelns folgte, das sie seit je ausgezeichnet hat?" (93) Den Europäern wirft Rüb vor, diese historischen Kontinuität vollkommen zu ignorieren und die gegenwärtige US-Regierung stattdessen unkritisch zu verteufeln. Die Bush-Administration erscheint bei ihm hingegen in einem durchaus positiven Licht. Manchmal übertreibt er es allerdings auch mit dem Lob des jüngeren Bush: Die „Disziplin" des jetzigen US-Präsidenten der angeblichen Laxheit unter Clinton entgegenzuhalten (112 f.), dürfte spätestens seit Michael Moore und Bob Woodward nur noch Kopfschütteln hervorrufen. Alles in allem ist Rübs Buch trotzdem eine anregende Analyse des transatlantischen Verhältnisses, die sowohl für die Wissenschaft als auch für einen breiteren Leserkreis Diskussionsstoff bietet.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 4.24.222.642.622.232.22.22 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Matthias Rüb: Der atlantische Graben. Wien: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22660-der-atlantische-graben_25856, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 25856 Rezension drucken
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