/ 19.06.2013
Arno Waschkuhn
Denationalisierung und zivile Tugenden. Liberaler Republikanismus und normativer Individualismus in der Hochmoderne
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2006; IX, 348 S.; brosch., 59,- €; ISBN 978-3-8329-1748-7Der im letzten Jahr verstorbene Politikwissenschaftler widmet sich der Frage, wie die durch den Globalisierungsprozess in die Krise geratenen nationalstaatlich verankerten individuellen Rechte einerseits und der soziale Zusammenhalt andererseits revitalisiert werden können. Die Legitimationskrise der nationalstaatlichen demokratischen Ordnung kann nach Waschkuhn nicht durch Renationalisierung gelingen, sondern erfordert die Gewährleistungen ziviler Tugenden und neuer institutioneller Reglungen, die auch, aber nicht ausschließlich staatlichen Charakter haben. Diese Tugenden werden nicht nur normativ deduziert, sondern zugleich hinsichtlich ihrer institutionellen Erfordernisse und ihrer (subjektiven) Realisierungschancen überprüft. Insofern kommt Moralphilosophie nach Waschkuhn nicht nur die Aufgabe zu, allgemeine Verbindlichkeit zu erreichen, sondern sie hat alle gesellschaftlichen Akteure zu akzeptieren. Die Debatte zwischen den Universalisten (Habermas und Rawls) und den Kontextualisten (Rorty und Walzer) wird zugunsten eines kontextualistischen Universalismus aufgelöst. Politische Ethik muss angesichts fortschreitender Differenzierung und Pluralisierung der Lebensstile den Individualismus anerkennen und normativ rechtfertigen, andererseits muss nach den gemeinsamen Grundlagen nicht zuletzt deshalb gesucht werden, weil im Zeitalter der Globalisierung die nationalstaatlich verankerten Rechte erneut infrage gestellt werden. Dieser liberale Republikanismus ist letztlich als „overlapping consensus“ (Rawls) definiert und kann an den Republikanismusdiskurs der Moderne anknüpfen. Hatte Waschkuhn dies erst kürzlich mit Thumfart anhand des italienischen Humanismus gezeigt, widmet er sich hier einer erneute Lektüre der Debatte um die Sittlichkeit in den politischen Theorien von Kant bis Wilhelm von Humboldt, die bereits auf eine intrinsische Verknüpfung von normativem Individualismus mit liberalem Republikanismus verwiesen hatten. Während im Zeitalter des Nationalstaates derart idealistische Sozialphilosophien notwendig in die Defensive gedrängt wurden, gewinnen sie im Zeichen der Globalisierung erneute Bedeutung, verlangt doch Globalisierung neben der Schaffung neuer Institutionen auch eine legitimatorische Grundlage im Sinne einer Weltethik.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 5.43 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Arno Waschkuhn: Denationalisierung und zivile Tugenden. Baden-Baden: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21513-denationalisierung-und-zivile-tugenden_30757, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 30757
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
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