/ 03.06.2013
Jürgen Manemann (Hrsg.)
Demokratiefähigkeit
Münster: Lit 1995 (Jahrbuch Politische Theologie 1); IV, 266 S.; brosch., 34,80 DM; ISBN 3-8258-2227-3Das neue "Jahrbuch Politische Theologie" wendet sich "gegen die geläufige Auffassung, daß ein Ernstnehmen der Moderne und ihrer Prozesse der Aufklärung notwendig zur strikten Privatisierung des Gottesthemas wie überhaupt der Religion führt." Es zielt auf die "Neubestimmung des Verhältnisses von Religion und Politik, von Christentum und politischer Kultur an den Grenzen der europäischen Moderne" (III).
Das Thema "Demokratiefähigkeit" wird nicht im üblichen politikwissenschaftlichen Sinne erörtert. Der Titel wird von der Politischen Theologie her verstanden. Die Aufsätze zeugen von einem theoretischen Selbstfindungsprozeß. Thematisiert wird der Zusammenhang zwischen Monotheismus, Theodizee und moderner demokratischer Gesellschaft. Vielfach bietet hier (wie auch in der Rezension von J. Reipen) Carl Schmitt eine willkommene Folie zur Abgrenzung und einen Gegenpart zum katholischen Theologen Johann Baptist Metz, aus dessen Schülerkreis die Initiative zu dem Jahrbuch entstand. Thema nicht nur des Beitrags von M. Rainer sind "die Differenzen zwischen einer letzlich säkularisierten politischen Theologie [Schmitt] und einer auf den biblischen Fundamenten gründenden Politischen Theologie [Metz]" (III).
Im "Forum" wird die Frage nach dem Wesen des Politischen in sieben Statements behandelt, die unabhängig voneinander entstanden sind. Die Autoren sind neben dem Verfassungsrichter E. W. Böckenförde und Theologen auch drei Parteipolitiker von CDU, SPD und Bündnis 90/Die Grünen. In der "Debatte" bietet ein Aufsatz von P. Suess die Grundlage für drei Kommentare.
Nicht theologisch vorgebildete Politologen müssen ihren Wortschatz bei einigen Texten um eine ganze Reihe von Fremdworten erweitern, wollen sie sich dieses Wissenschaftsgebiet erschließen. Fraglich ist, ob so eine breitere Fachöffentlichkeit erreicht werden kann. Das kann auch davon abhängen, welchen praktischen Problemstellungen sich das Jahrbuch zukünftig zuwendet und welche Lösungsansätze sich erarbeiten lassen. Eine Neubestimmung des Verhältnisses von Christentum und Politik im Sinne der Intention des Jahrbuchs ist ohne die Hinwendung zu konkreten praxisorientierten Fragestellungen schwer möglich.
Inhalt: Forum: Was heißt heute eigentlich politisch? Ernst-Wolfgang Böckenförde (2-5); Peter Hintze (5-7); Freimut Duve (7-12); Winfried Kretschmann (12-14); Dorothee Sölle (15 f.); Jürgen Moltmann (16-18); Edna Brocke (19-22). Thema: Tiemo Rainer Peters: Unterbrechung des Denkens. Oder: Warum Politische Theologie? (24-38); Johann Baptist Metz: Monotheismus und Demokratie. Über Religion und Politik auf dem Boden der Moderne (39-52); Ottmar John: Zur Politik der Theodizee (53-81); Michael J. Rainer: Carl Schmitt und Johann Baptist Metz in fremder Nähe? - Bemerkungen zu zwei Leitkonzepten politischer Theologie im 20. Jahrhundert (82-106); Willi Oelmüller: Religionen in modernen Rechts- und Verfassungsstaaten - eine Utopie der Vergangenheit? (107-136); Jürgen Manemann: An den Grenzen der Moderne. Zu Kulturkampf und Demokratiefeindlichkeit in der gegenwärtigen Gesellschaft (137-154); Edmund Arens / Jürgen Manemann: Wie sollen wir zusammen leben? Zur Diskussion über den Kommunitarismus (155-187); Kuno Füssel / Michael Ramminger: Armut und Reichtum - Biblische Erinnerung an einen Widerspruch (188-203). Debatte: Anerkennung des Anderen in ihrem Anderssein? Paulo Suess: Ein gewisser Exodus. Zum historischen Projekt der armen Moderne (206-222); Walter Lesch: Theologische Anerkennungshermeneutik in der Sackgasse? (223-230); Matthias Möhring-Hesse: Ein gewisser Widerspruch (231-238); Peter Rottländer: Alterität versus anamnetische Ethik? (239-249). Rezension: Johannes Reipen: Rezension über Heinrich Meiers Arbeiten zur "Politischen Theologie" Carl Schmitts (252-257). Institute und Projekte: Institut für Theologie und Politik (260 f.); Das Fritz Bauer Institut/Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust in Frankfurt am Main (262-264).
Stefan Lembke (SL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.23 | 2.35 | 5.4
Empfohlene Zitierweise: Stefan Lembke, Rezension zu: Jürgen Manemann (Hrsg.): Demokratiefähigkeit Münster: 1995, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/1185-demokratiefaehigkeit_1224, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 1224
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M. A., Politikwissenschaftler.
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