/ 04.06.2013
Joachim Radkau
Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler
München/Wien: Carl Hanser Verlag 1998; 551 S.; Ln., 68,- DM; ISBN 3-446-19310-3Der Erste Weltkrieg sei ausgebrochen, weil Deutschland ihn gewollt habe, so die These von Fritz Fischer aus dem Jahre 1969. Dagegen ist immer wieder eingewandt worden, die deutsche politische Elite sei, um den Krieg gewollt zu haben, zu nervös gewesen. In seiner "Archäologie des Gefühls" beschreibt und analysiert Radkau diese Art der Nervosität. Sie zeichnete sich in der wilhelminischen Politik demnach aus durch "eine Atmosphäre wachsender Reizbarkeit und Ungeduld, die häufige Überreaktion auf geringfügige Herausforderungen und das zunehmende Gefühl des Verlierens der Zeit: all das ist ein auffälliger und verhängnisvoller Zug in der politischen Mentalität vor 1914 [...]. Zwischen der politischen und der persönlichen Nervosität gab es tatsächlich Analogien: Beide entstanden aus einer Mischung diffuser Begehrlichkeiten, Ängste und Frustrationen. In der zunehmenden 'Nervosität' reflektierte sich das wachsende Risiko der deutschen Politik; und der Begriff enthielt zugleich die Erkenntnis, daß die deutsche Reizbarkeit mit einem Gefühl der Schwäche zusammenhing." (459)
Aus dem Inhalt: Einleitung: Eine Geschichte von Leidensdruck, Sinnsuche und Krieg; 1. Langzeittrends und Knotenpunkte in der Nervengeschichte; 2. Ärztlicher Blick und Patientenerfahrung; 3. Die Modernität der Neurasthenie; 4. Der Fortschritt der Nervosität von der Krankheit zum Kulturzustand: Nervosität als Epidemie und als Begabung; Von den Heilanstalten zur Hofgesellschaft: Nervosität und wilhelminisches Krisenbewußtsein; Die kaiserliche Kinetik und die strukturelle Nervosität wilhelminischer Weltpolitik; Die weiche Seite des Wilhelminismus und ihre Blamage, oder: Ver- und Entzauberung der Welt; Stadthygiene, Schulüberbürdung, Lebensreform: Das reformerische Potential der Nervensorge; Nationalismus und Nervosität - Deutsche und Juden in nervöser Nähe; Sozialstaat und Neurasthenie: Der Kampf um die "Rentenneurose". 5. Die Wende zum Willen und die Entfesselung des Weltkriegs: Die Überwindung der Nervosität als nationale Aktion: Von der Ruhe über die Hypnose zur "Willenskultur"; "Platz an der Sonne" und "Zukunft auf dem Wasser": Die Vernetzung von Nervenlehre und Weltpolitik; "Nervosität" als politischer Bumerang; Die Verhärtung des Männerideals und die Schande des "Schlappi": Das Scheitern nervöser Sinnproduktion; Friedensjahre als gewonnene und als verlorene Zeit: Die Verwirrung der Tempora durch den Gedanken an Krieg; Neugier und Scheu vor dem Medusenhaupt: Die Nervosität im Verhältnis zum Krieg; Die Spaltung der Deutschen durch die Kriegserfahrung und der Niedergang der Neurasthenielehre; Von der Neurasthenie zum Streß; Kämpfen und Lachen: Das Trugbild vom Endsieg über die Nervosität.
Heinz-Werner Höffken (Hö)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
Rubrizierung: 2.311 | 2.312
Empfohlene Zitierweise: Heinz-Werner Höffken, Rezension zu: Joachim Radkau: Das Zeitalter der Nervosität. München/Wien: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5957-das-zeitalter-der-nervositaet_8073, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 8073
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg.
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