/ 04.06.2013
Paolo Prodi
Das Sakrament der Herrschaft. Der politische Eid in der Verfassungsgeschichte des Okzidents. Aus dem Italienischen von Judith Elze
Berlin: Duncker & Humblot 1997 (Schriften des Italienisch-Deutschen Historischen Instituts in Trient 11); 455 S.; 168,- DM; ISBN 3-428-09245-7Es geht dem Autor darum, "durch die Untersuchung des politischen Eides einen neuen Ausgangspunkt für die Beobachtung des Verhältnisses zwischen dem Christentum und der Entwicklung der Verfassung im Okzident zu finden" (6). Hiermit ist neben der metapolitischen Rechtfertigung und Heiligung der Macht auch der potentielle Konflikt zwischen staatlichen Forderungen und religiösen Überzeugungen in den Kern der gesamteuropäisch angelegten Untersuchung gestellt. Prodi zeichnet ein geographisch und historisch breites und zugleich differenziertes Bild. Seine Studie beginnt mit der spätantiken Ausbreitung des Christentums vom Mittelmeer nach Norden. Ein erster Schwerpunkt (Kap. 2-4) ist dem mittelalterlichen Verständnis des Eides gewidmet, dessen religiöse Fundierung ihm in dieser Zeit sakramentalen Rang verleiht (57). Der Kern der Untersuchung liegt aber für den Autor in drei folgenden Kapiteln, die sich mit der Eidesentwicklung unter der doppelten Bedingung der Herausbildung des frühneuzeitlichen, souveränen Staates und der Spaltung des einheitlichen Christentums in Konfessionen befassen. Prodi beschäftigt sich mit den hauptsächlichen Gruppierungen, aber auch (im Kap. 7) mit den radikal-christlichen, eidverweigernden religiösen Abweichlern. Das achte Kapitel untersucht die endgültige Säkularisierung der Politik in der sich durchsetzenden Vertragslehre, das neunte Kapitel zeigt "das Ausscheiden des Eides aus der Sphäre des Vertrags und seine Umformung in eine Art säkularisiertes Gelübde" (375). Das abschließende zehnte Kapitel bietet einen knappen Ausblick. Dieses souveräne Buch bietet weit mehr, als der Titel vermuten läßt. Im Grunde handelt es sich um eine an einem wichtigen Punkt beginnende umfassende rechtlich-politische Geistesgeschichte Europas, die an die Arbeiten des häufig zitierten Otto Gierke anknüpft. Ein besonderer Genuß ist die ruhig fließende Sprache der Studie, die den Rezensenten an Golo Mann erinnert. Zu einem erheblichen Teil ist Prodis Werk aus den Quellen geschöpft, die in der jeweiligen Originalsprache zitiert werden. Unverständlich bleibt einzig, warum dem Werk neben dem Namensregister die Beigabe eines Literaturverzeichnisses verweigert wurde.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.32 | 5.31
Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Paolo Prodi: Das Sakrament der Herrschaft. Berlin: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5906-das-sakrament-der-herrschaft_7732, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 7732
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Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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