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/ 18.06.2013
Thomas Gatzemann

Das Projekt der ideologisch-verwissenschaftlichten Menschenbildung. Bildungstheoretisch-problemgeschichtliche Analysen zu Indoktrinationen und politischer Bildung in Deutschland zwischen 1945 und 1970

Frankfurt a. M. u. a.: Peter Lang 2003; 255 S.; 34,80 €; ISBN 3-631-50537-X
Ziel der Arbeit des Chemnitzer Erziehungswissenschaftlers ist die Unterscheidung von Ansätzen zur Analyse der politischen Bildung in der DDR, die gewollt oder ungewollt indoktrinieren und solchen, die das nicht tun. Er skizziert dazu zunächst die Entwicklung der Gegenwarts- und Staatsbürgerkunde in der SBZ/DDR zwischen 1945 und 1970 und die Auseinandersetzung um ihre bildungs- und erziehungstheoretischen Begründungen. Zwar gab es in der ostdeutschen Erziehungswissenschaft eine Kontroverse, ob der Unterricht prozesstheoretisch-dynamisch vom lernenden Subjekt her oder ob er lernzielorientiert-technologisch von der anzueignenden Sache her zu konzipieren sei, doch in der Praxis diente er schlicht und einfach dazu, „das Verständnis für die Politik von Partei und Regierung sowie die Entwicklung der bewussten und tätigen Parteinahme für unsere sozialistische DDR" (Margot Honecker) zu befördern (74). Die Lehrpläne gingen davon aus, dass „normiertes Wissen [...] gleichsam zwingend in vorhersagbare Haltungen und Einstellungen umschlagen" könne (187). Im Kauderwelsch der SED war das dann der „Klassenstandpunkt". Indoktrinierende Elemente vermag Gatzemann auch in der politischen Bildung der Bundesrepublik der Fünfzigerjahre festzustellen. Er untersucht hierzu die theoretischen Konzeptionen zweier westdeutscher Erziehungswissenschaftler und die Lehrpläne von Nordrhein-Westfalen und Hessen aus dieser Zeit. Für Gatzemann sind es vor allem religiöse Spurenelemente, die eine weltanschauliche Indoktrination hätten ermöglichen können. Aus dem Inhalt: 2. Überblick zur konzeptionellen Entwicklung der politischen Bildung in der SBZ/DDR und zur Auseinandersetzung mit westdeutschen Entwürfen von 1945-1970 3. Der Streit um Gegenwartskunde als Fach oder Prinzip 4. Der Streit zwischen den Forschergruppen um Ekkehard Sauermann und Gerhart Neuner über Fragen der Unterrichtsmethodik im Fach Staatsbürgerkunde 5. Staatsbürgerkunde oder politische Bildung? Die kritischen Betrachtungen von Theodor Litt und Werner Dorst 6. Die Alternative: Eine „Revolution der Denkungsart" - die „dritte Position" Franz Fischers 7. Lehrpläne zwischen 1950 und 1970 im Spannungsfeld von „wissenschaftlicher" Weltanschauung, Antikommunismus und religiöser Weltdeutung 8. Kriterien zur Unterscheidung indoktrinierender von nichtindoktrinierenden Erziehungs- und Bildungsvorstellungen - ein Resümee
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Thomas Gatzemann: Das Projekt der ideologisch-verwissenschaftlichten Menschenbildung. Frankfurt a. M. u. a.: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/19831-das-projekt-der-ideologisch-verwissenschaftlichten-menschenbildung_23083, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 23083 Rezension drucken
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