/ 20.06.2013
Hans-Jörg Sigwart
Das Politische und die Wissenschaft. Intellektuell-biographische Studien zum Frühwerk Eric Voegelins
Würzburg: Königshausen & Neumann 2005 (acta politica 7); 305 S.; brosch., 45,- €; ISBN 3-8260-2808-2Diss. phil. Erlangen-Nürnberg; Gutachter: J. Gebhardt. - Im Rahmen des „cultural turn”, der Renaissance der Totalitarismustheorie und der „Rückkehr” der Religion reißt die (Wieder)entdeckung des Werks Voegelins nicht ab. Er scheint damit auf dem besten Weg, endlich auch in Deutschland Eingang in den Kanon der „Klassiker” des 20. Jahrhunderts zu finden. Untrügliches Zeichen hierfür ist die „Periodisierung” einzelner Werkphasen, die Sigwart nun für das Frühwerk Voegelins bis zur Emigration in die USA 1938 erstmals umfassend vornimmt. Der Autor begreift es nicht bloß retrospektiv und in Kontinuität zum späteren Hauptwerk, sondern rekonstruiert es in seinen dynamischen Um- und Durchbrüchen. Damit begründet er eine neue Sicht, die sich gegen die in der Forschung (und von Voegelin selbst) verbreitete richtet. Sigwart interpretiert Voegelin ausdrücklich aus politikwissenschaftlicher Perspektive. Sein Denken kreise vor dem Hintergrund zweier persönlicher Erfahrungen um die Begriffe des „Politischen” und der „Wissenschaft”: die „Erfahrung des Politischen” während Voegelins Studium der amerikanischen Demokratie in den 20er-Jahren und die „Erfahrung der Krise” durch den Nationalsozialismus (11). Dabei wird die Auseinandersetzung mit Max Weber und Carl Schmitt ausführlich thematisiert. Sigwart kommt u. a. zu folgendem Ergebnis: „Die Erfahrung der epochalen geistigen Krise Europas und schließlich der westlichen Moderne insgesamt [...] bedeutet insofern auch eine intellektuelle Krise für Voegelin selbst. [Sie] offenbarte [...] die entscheidende Schwachstelle der existentiell-formalen, weitgehend werturteilsfreien Position von Voegelins weberianisch-geisteswissenschaftlicher Staatslehre”. Von hier aus erst dringt er in den „Politischen Religionen” zu „eine[r] substantielle[n] Ideologiekritik des Nationalsozialismus vor, die sich mit einer an William James orientierten Neuformulierung bzw. Zuspitzung seines personalistischen Erfahrungsbegriffs verbindet” (282). Sigwart stützt seine Ergebnisse auf die Auswertung des Voegelin-Nachlasses im Archiv der Hoover Institution der Stanford University.
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 5.46
Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Hans-Jörg Sigwart: Das Politische und die Wissenschaft. Würzburg: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22613-das-politische-und-die-wissenschaft_25798, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 25798
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Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
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