/ 05.06.2013
Melissa Müller
Das Mädchen Anne Frank. Die Biographie. Mit einem Nachwort von Miep Gries
München: Claassen 1998; 447 S.; geb., 44,90 DM; ISBN 3-546-00151-6In der ersten umfassenden Biographie über Anne Frank begibt sich Müller "auf die Suche nach jener Person, die hinter dem Mythos steckt" (11). Ausführlich widmet sich die Autorin der frühen Kindheit Anne Franks in Frankfurt a. M., der Flucht ihrer Familie nach Amsterdam, der Zeit der zunehmenden nationalsozialistischen Verbote nach der Besetzung Hollands und schließlich ihrem beengten Leben im Versteck im Hinterhaus der Prinsengracht 263. Der gut recherchierten und belegten Biographie liegen Gespräche der Autorin mit über zwanzig Zeitzeugen, die mit Anne Frank verwandt oder befreundet waren, und neues, bislang unbekanntes Quellenmaterial zugrunde. Darunter auch drei, sich im Besitz des langjährigen Freundes und Beraters Otto Franks, Cornelius Suijk, befindliche und bislang unbekannte Manuskriptseiten Anne Franks, zwei davon datiert vom 8. Februar 1944, eine undatiert und vermutlich aus dem Frühjahr desselben Jahres stammend. Der Inhalt dieser Blätter, die Suijk nach eigenen Angaben von Annes Vater vor dessen Tod im Jahre 1980 anvertraut wurden, sorgte bereits vor Auslieferung der Biographie für Spekulationen und Skandale. In dem undatierten Blatt hatte Anne Frank festgelegt, daß niemand außer ihr selbst ihr Tagebuch zu lesen bekommen sollte, wiewohl sie es nach dem Krieg unzweifelhaft zu veröffentlichen gedachte. Die anderen beiden Manuskriptseiten geben neue Einblicke in die Familienverhältnisse der Franks. Sie belegen nicht nur Annes nüchterne Einschätzung der elterlichen Beziehung, die ihr zufolge eine reine Vernunftehe war, sondern zeugen insbesondere von zunehmender Annäherung zwischen Anne und ihrer Mutter Edith, die im veröffentlichten Tagebuch selbst ausschließlich in einem negativen Licht erscheint. (Es bleibt zu fragen, ob diese neuen Erkenntnisse jedoch wirklich so relevant für die Aufarbeitung des Falles Anne Frank sind.) Überdies liefert die Autorin eine neue Erklärung für den Verrat, der die Familie Frank am 4. August 1944 der Gestapo auslieferte: Ihr zufolge wurden die acht im Hinterhaus untergetauchten Juden höchstwahrscheinlich von der vom Haus angestellten Putzfrau Lena Hartog denunziert, wobei sie sich auf ihre Recherchen in deutschen und niederländischen Archiven sowie auf ein Gespräch mit einer entfernten Verwandten Hartogs beruft.
Ermüdend und unnötig sind die häufig etwas krampfhaften Versuche, sich in die Stimmungslagen Anne Franks und ihrer Familie einzufühlen, die - wenn auch so gekennzeichnet - zwangsläufig im Spekulativen verbleiben, so z. B. als die deutschen Truppen am 10. Mai 1940 ("[h]interhältig wie Piraten aus einem längst vergangenen Jahrhundert" [147]) in Holland einfielen: "Auch Anne ging nicht zur Schule. Und gewiß ging es ihr ähnlich wie allen Kindern ihres Alters: Zu der beklemmenden Unsicherheit über das, was sie beim Frühstück gehört hatte, mischte sich ein Anflug kindlicher Freude über den schulfreien Tag und die unerwartet vorgezogenen Pfingstferien." (148)
Julia Schmidt-Häuer (JSH)
Dr., Referentin im wissenschaftlichen Dienst der SPD-Bürgerschaftsfraktion in Bremen.
Rubrizierung: 2.312 | 2.35
Empfohlene Zitierweise: Julia Schmidt-Häuer, Rezension zu: Melissa Müller: Das Mädchen Anne Frank. München: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7128-das-maedchen-anne-frank_9524, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 9524
Rezension drucken
Dr., Referentin im wissenschaftlichen Dienst der SPD-Bürgerschaftsfraktion in Bremen.
CC-BY-NC-SA