/ 06.06.2013
Johannes Bähr / Ralf Banken (Hrsg.)
Das Europa des "Dritten Reichs" Recht, Wirtschaft, Besatzung
Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann 2005 (Studien zur europäischen Rechtsgeschichte 181; Das Europa der Diktatur 5); VI, 288 S.; kart., 54,- €; ISBN 3-465-03401-5Neben der eliminatorischen Rassenpolitik sei die wirtschaftliche Ausbeutung das zweite charakteristische Merkmal der deutschen Besatzungspolitik während des Zweiten Weltkriegs gewesen, schreiben die Herausgeber. Sie weisen auf den Zusammenhang zwischen der Ausbeutung und dem Holocaust hin. Thema dieses Bandes aber ist die rechtliche Ausgestaltung der Besatzungspolitik. Die „Indienstnahme der besetzten Länder“ (2) habe dabei vielfältige Lenkungsmechanismen erfordert. Die Autoren beschreiben anhand von Beispielen die Formen und Auswirkungen der Wirtschaftssteuerung durch Recht. Dabei geht es nicht nur um die maßgeblichen Institutionen, sondern auch um die Rolle der deutschen Statthalter. Sie bildeten „das eigentliche steuernde System in den besetzten Ländern“ (3). Es seien zwei Muster der Okkupationsherrschaft zu unterscheiden, so die Herausgeber: das west- bzw. nordeuropäische und das mittel-, südost- bzw. osteuropäische Modell. Im Osten habe die nationalsozialistische Rassen- und Raumideologie nicht zugelassen, dass weiterhin eigenständige Staaten existierten, die erklärten Ziele seien die Germanisierung und Versklavung gewesen. Der Warschauer Historiker Bogdan Musial berücksichtigt in seinem Beitrag über Polen zudem – trotz ganz anderer Ziele - auch die Folgen der Besetzung des östlichen Landesteils durch die Sowjetunion. In West- und Nordeuropa habe das NS-Regime mit dem Modell formal selbstständiger Staaten mit eigenen Regierungen oder zumindest eigenen Verwaltungen gearbeitet. Rechtlichen Regelungen sei – anders als im Osten – ein stärkeres Gewicht zugekommen, das Privatrecht und die privaten Eigentumsrechte wurden (mit Ausnahme der verfolgten Juden) nicht außer Kraft gesetzt. Die Beiträge gehen auf eine Vortragsreihe am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main zurück.
Aus dem Inhalt:
Johannes Bähr / Ralf Banken:
Ausbeutung durch Recht? Einleitende Bemerkungen zum Einsatz des Wirtschaftsrechts in der deutschen Besatzungspolitik 1939-1945 (1-30)
Bogdan Musial:
Recht und Wirtschaft im besetzten Polen (1939-1945) (31-57)
Andrzej Wrzyszcz:
Die deutsche „Wirtschafts-“Rechtssetzung im Generalgouvernement 1939-1945 (59-79)
Martin Dean:
The role of law in the seizure of Jewish property in Nazi-occupied Eastern Europe (81-103)
Robert Bohn:
Deutsche Wirtschaftsinteressen und Wirtschaftslenkung im „Reichskommissariat Norwegen“ (105-122)
Peter Romijn:
Reichskommissariat Niederlande oder Gau Westland? (123-140)
Hervé Joly:
La conclusion d’un accord franco-allemand dans l’industrie des colorants en 1940-1941: rapports de force et formes juridiques (141-175)
Michel Margairaz:
La collaboration économique d’Etat et le rôle du droit dans la France occupée (1940-1944): une ambivalence radicale (177-186)
Karl-Heinz Schlarp:
Ausbeutung der Kleinen: Serbien in der deutschen Kriegswirtschaft 1941-1944 (187-215)
Gabriela Etmektsoglou:
The Legitimacy of Illegality in Wartime Greece (217-236)
Maximiliane Rieder:
Deutsche Besetzung, Wirtschaftssteuerung und Kollaboration in Italien 1943-1945 (237-258)
Hans-Christoph Seidel:
Arbeitseinsatz und Zwangsarbeit im europäischen Steinkohlebergbau unter deutscher Herrschaft (259-286)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.312 | 4.1 | 2.61 | 2.62
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Johannes Bähr / Ralf Banken (Hrsg.): Das Europa des "Dritten Reichs" Frankfurt a. M.: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8944-das-europa-des-dritten-reichs_27301, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 27301
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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