/ 18.06.2013
Tânia Puschnerat
Clara Zetkin: Bürgerlichkeit und Marxismus. Eine Biographie
Essen: Klartext 2003 (Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen. Schriftenreihe A: Darstellungen 25); 463 S.; 29,90 €; ISBN 3-89861-200-7Geschichtswiss. Habilitationsschrift Bochum; Gutachter: H. Grebing, K. Tenfelde, H. Weber, B. Bonwetsch. - War Zetkin eine linke Feministin? War sie eine mutige Gegnerin des Faschismus? Stand sie für einen demokratischen Kommunismus? Vor allem sei sie vor und nach ihrem Tod 1933 in der Sowjetunion und in der DDR politisch instrumentalisiert worden, schreibt die Autorin. Um der Person Zetkins näher zu kommen, ist die Arbeit als mentalitätsgeschichtliche Fallstudie angelegt und leistet zugleich einen Beitrag zur Geschichte der Arbeiterbewegung und zur Bürgertumsforschung. Puschnerat beschreibt ausführlich Zetkins „beachtliche Karriere in der SPD" (71) zwischen 1890 und 1914 als Theoretikerin, Parteipolitikerin und Publizistin. „Es ist festzustellen, dass sie - zumal als Frau - nur innerhalb der sozialdemokratischen Organisationswelt so schnell den Status einer politisch einflussreichen und wirtschaftlich soliden, dabei relativ unabhängigen Existenz erreichen konnte" (73). Sie war anerkannt, aber nicht unumstritten. Der Bruch mit der SPD sei 1914 mit der Bewilligung der Kriegskredite erfolgt, wobei Zetkin sich nicht gleich von der Partei trennte, sondern „geradezu hinausgeworfen werden musste" (74). Ihr Aufruf zu einem Massenstreik für den Frieden fand kein Gehör. „Der Verlust des Vertrauens in die deutschen Proletarier, die Enttäuschung über ihr vermeintliches Versagen war von 1914 an Zetkins größtes Problem" (200). Sie habe sich der USPD und dann der KPD zugewandt und sei seit 1919 von den Bolschewisten in konspirative Aktionen einbezogen worden. 1920 habe sich mit ihrer Reise nach Moskau gezeigt, dass sie zum innersten Führungszirkel der Kommunisten gehörte, wobei sie wiederholt mit der Parteidisziplin gebrochen habe. Ihre „Bolschewisierung" (264) habe Lenin persönlich in einem ausführlichen Gespräch unternommen. Aus der unabhängigen Frau wurde ein „Soldat der Partei" (277). Sie habe fortan den Marxismus-Leninismus als „das große weltanschauliche Erlösungskonzept" verstanden und von dieser „quasireligiöse[n] Orthodoxie" aus „die soziale Realität gedeutet" (389). „Dass ihr Weltanschauungstotalitarismus wie ihre leninistische politische Praxis seit 1918 im Trend der antidemokratischen und antifreiheitlichen Strömungen der Weimarer Republik lag und diesen beförderten, hat Zetkin nie realisiert." (390)
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.311 | 2.3
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Tânia Puschnerat: Clara Zetkin: Bürgerlichkeit und Marxismus. Essen: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20013-clara-zetkin-buergerlichkeit-und-marxismus_23305, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 23305
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