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/ 05.06.2013
Christian Graf von Krockow

Churchill. Eine Biographie des 20. Jahrhunderts

Hamburg: Hoffmann und Campe 1999; 384 S.; geb., 44,90 DM; ISBN 3-455-11270-6
Krockow stellt Churchill auf ein noch höheres Podest als sich bereits aus dem Untertitel schließen läßt: Er sei eine "Schlüsselfigur des 20. Jahrhunderts", da er als der exemplarische Gegenspieler Hitlers und erbitterter Gegner Stalins dem Kommunismus und dem Faschismus die Stirn geboten habe (8). Ein starkes Gefühl der persönlichen Bewunderung spricht an vielen Stellen aus Krockows Darstellung und könnte bei manchem Leser zu einer gewissen Distanzierung führen. Ein ehrgeiziger, heldischer Self-made-Intellektueller sei der spätere britische Premierminister gewesen, privat jedoch keineswegs unsinnlich und leidenschaftslos, wie das andere Biographen behauptet hätten. Churchill sei einfach auf andere Abenteuer aus gewesen, solche, die es heutzutage nicht mehr gebe: "alle Berge sind bestiegen, alle Wüsten durchwandert und die Meere vermessen" (46). Politik war seine alles beherrschende Leidenschaft. Als Abgeordneter und engagierter Redner im britischen Unterhaus sei er zu einer schillernden Persönlichkeit gereift. Mit vollem Einsatz folgt der Autor dem jungen Churchill durch die Stationen seines politischen Aufstiegs und seiner geistigen Entwicklung, welche sich besonders an der Auseinandersetzung mit Edmund Burke vollzog. "Von der Geschichte und Edmund Burke geleitet" erkannte Churchill in Hitler schon früh einen "Mann aus dem Nichts" mit der "Gier nach Gewalt", gegen die man sich wappnen müsse. Churchill war, "im Gegensatz zu Chamberlain, ein geborener Krieger" (166), so daß seine Regierungsübernahme in Kriegszeiten eine logische Konsequenz war. Krockow nennt Hitler einen Spieler, der die Geschichte und gewachsene Ordnungen zerstören wollte. Er vermutet "eine unterirdische Verbindung mit Churchill" (185), denn dieser habe sich intuitiv als Gegenspieler verstanden, mit dem Ziel, die Geschichte, Freiheit und Recht zu bewahren (186). Die verheerenden britischen Bombenangriffe auf deutsche Großstädte, die in der Bombardierung Dresdens im Februar 1945 ihren Höhepunkt fanden, sind auch für den aus Hinterpommern stammenden Autor ein Kapitel in dem von Hitler entfesselten "barbarischen Krieg gegen die Zivilbevölkerung" (232). Warum aber hat sich Churchill zu diesem Schritt entschlossen? Krockow nennt zunächst Ratlosigkeit und Verzweiflung als Motive. Die britische Armee habe zunächst kaum einen anderen Beitrag zu der von den Sowjets verstärkt geforderten Entlastung leisten können. Die Bombenangriffe erinnerten dann "sogar an den Einsatz deutscher 'Vergeltungswaffen' gegen London" (233). Sein Fazit lautet, daß die rat- und sinnlosen Angriffe nicht zu entschuldigen seien. Angesichts der schreckensvollen, blutdurchtränkten Epoche, so Krockow, solle man dankbar sein für Frieden und Freiheit in Europa. Der Schlußsatz spricht für sich: "Und wie keinem anderen sollte unser Dank dem Manne gelten, der in der Stunde der Not, im Triumph der Gewaltherrschaft, als alles verloren schien, die Fahne der Freiheit ergriff und sie unbeirrbar weitertrug bis zum Sieg" (312).
Stefan Lembke (SL)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.14.222.612.3122.62 Empfohlene Zitierweise: Stefan Lembke, Rezension zu: Christian Graf von Krockow: Churchill. Hamburg: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8111-churchill_10719, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10719 Rezension drucken
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