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/ 21.06.2013
Stefan Scheil (Hrsg.)

Churchill, Hitler und der Antisemitismus. Die deutsche Diktatur, ihre politischen Gegner und die europäische Krise der Jahre 1938/39

Berlin: Duncker & Humblot (Zeitgeschichtliche Forschungen 37); 335 S.; 28,- €; ISBN 978-3-428-12846-4
Der Autor steht mit dieser neuen Publikation der Tendenz nach ganz in der Tradition seiner vorhergegangenen Bücher (siehe ZPol-Nr. 11335, 11798, 25789 und 29175). Obwohl sich Scheil zunehmend in den Medien und in Fachhistorikerkreisen Vorwürfen des Relativismus und der Überpointierung ausgesetzt sieht, stellt er auch mit einem der ersten Sätze dieses Bandes fest: „Eine Alleinverantwortung eines einzelnen Staates für Ausbruch und Eskalation des Krieges war 1939/40 nicht gegeben“ (7). Wer dies in solcher Absolutheit behauptet hat, bleibt sein Geheimnis. Im Zentrum der Darstellung stehen nun das „Focus“-Netzwerk um Winston Churchill und die Bemühungen jüdischer Verbände gegen den Nationalsozialismus. Scheils Technik besteht darin, die revisionistische These durch Bündelung verschiedener Aspekte auf engem Raum zu erzeugen und im angeführten Beispiel zu einer unseligen Pointe zu führen: So schreibt er, die NS-Führung habe Ende August 1939 die Führung ergriffen, „um das […] potentielle Angriffsbündnis der Dreierkoalition England-Frankreich-Polen zu sprengen“ (17), „Hitler [habe] sich in Bezug auf seine außenpolitischen Ziele zum Jahreswechsel 1938/39 als saturiert“ (20) angesehen; Scheil beklagt gar, dass der Kampf jüdischer Organisationen gegen den Nationalsozialismus von der Historie vernachlässigt werde, um kurz darauf aus einem Bericht Brünings Leo Baeck mit den Worten zu zitieren, dass ein jüdischer Kampf gegen das NS-Regime Hitler zu Missetaten reizen könne. In seinen Ausführungen über George Messerschmidt legt der Autor nahe, dass Deutschland durch die amerikanische Politik nicht unwesentlich in den Krieg getrieben wurde. Die Todesforderungen Messerschmidts für die NS-Elite im Nürnberger Prozess begründet Scheil entsprechend mit einem Wunsch nach Vertuschung. Die Behauptung „kompromißloser nationalsozialistischer Politik als Hauptursache des Konflikts“ ist damit für Scheil auch lediglich eine „Umdeutung“ (295), womit er sich nicht nur im Bereich des Revisionismus, sondern auch der Verschwörungstheorie bewegt.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.3124.1 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Stefan Scheil (Hrsg.): Churchill, Hitler und der Antisemitismus. Berlin: , in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30342-churchill-hitler-und-der-antisemitismus_36009, veröffentlicht am 23.04.2009. Buch-Nr.: 36009 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA