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/ 17.06.2013
Anja Mihr

Amnesty International in der DDR. Der Einsatz für Menschenrechte im Visier der Stasi

Berlin: Ch. Links Verlag 2002 (Forschungen zur DDR-Gesellschaft); 332 S.; brosch., 24,90 €; ISBN 3-86153-263-8
Politikwiss. Diss. Berlin; Gutachter: P. Steinberg. - Menschenrechte buchstabierte das SED-Regime wie manch anderes auf seine ganz eigene Art und Weise: Danach gab es Menschenrechtsverletzungen per definitionem nur im kapitalistischen Ausland, während in der DDR längst die höchsten Stufen der Zivilisation in Gestalt der entwickelten sozialistischen Gesellschaft erklommen waren. Dass unter diesen Vorzeichen unabhängiges Menschenrechtsengagement jenseits des staats- und parteioffiziösen "DDR-Komitees für Menschenrechte" nicht geduldet wurde, liegt auf der Hand. "Amnesty International in der DDR" hat es demnach vor dem Mauerfall auch nicht gegeben, wohl aber amnesty-Aktivitäten zur DDR. Dieser "Einsatz für Menschenrechte im Visier der Stasi" ist Gegenstand der auf jahrelange Archivarbeiten und zahlreiche Interviews gestützten Arbeit von Mihr. Nach einleitenden Kapiteln zur Entwicklung von Amnesty International und zur DDR-Menschenrechtslage und -Menschenrechtspolitik schildert die Autorin ausführlich Arbeitsweise und Strategien der internationalen Organisation gegenüber der DDR. Dabei fällt neben der schieren Zahl an Aktionen vor allem ihre große Bandbreite ins Auge: Ergänzend zu den klassischen Verfahren der "Adoption" von gewaltlosen politischen Gefangenen (seit 1961 mehrere Hundert DDR-Bürger) und der Briefkampagnen wurden insbesondere internationale Foren und der Kontakt zu renommierten Politikern genutzt, um Menschenrechtsverletzungen in der DDR anzuprangern und Verbesserungen für die Opfer zu erreichen. Reagierte die Staatsführung zunächst mit einer Politik des Schweigens, sah sie sich im Zuge der wachsenden Mobilisierungserfolge von Amnesty zusehends zu Reaktionen herausgefordert. Neben Verleumdungskampagnen in den staatlichen Medien wurde auch das MfS auf die "Feindorganisation" angesetzt. Die Versuche, Informanten in höhere Positionen der Organisation einzuschleusen, sind jedoch nach allen verfügbaren Quellen kläglich gescheitert. Detailliert dokumentiert die Autorin den Erfolg der aus Sicht der Akteure oftmals mühseligen Menschenrechtsarbeit: Freilassungen, verbesserte Haftbedingungen und schließlich 1987 die Abschaffung der Todesstrafe gehen zwar keineswegs allein auf das Konto von Amnesty International, stehen aber zum Teil in engem Zusammenhang mit AI-Kampagnen. Mihr verschweigt aber auch nicht die dunklen Flecken der Menschenrechtsorganisation wie das allzu lange Schweigen zu den "Mauertoten", die Motivationsprobleme bei Teilen der Mitgliedschaft, wenn es um die scheinbar unpolitischen Ausreisewilligen ging, und die heftigen Konflikte um das Verbot der Arbeit zum eigenen Land, die der bundesdeutschen Sektion - gegen erheblichen Widerstand aus den eigenen Reihen - Aktionen zugunsten der Deutschen jenseits der Grenze letztlich unmöglich machte. Summa summarum wird Amnesty jedoch ein breites, glaubwürdiges und vielfach auch erfolgreiches Engagement gegen die Verletzung der Menschenrechte im "Arbeiter- und Bauernstaat" attestiert. Die DDR, so eine wesentliche Erkenntnis, hatte in der Arbeit von AI einen festen und durchaus zentralen Platz. Profitiert haben neben vielen Namenlosen auch prominente Regimekritiker wie Erich Loest und Robert Havemann.
Michael Edinger (ME)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Sonderforschungsbereich 580, Universität Jena (www.uni-jena/svw/powi/sys/edinger.html).
Rubrizierung: 2.314 Empfohlene Zitierweise: Michael Edinger, Rezension zu: Anja Mihr: Amnesty International in der DDR. Berlin: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16931-amnesty-international-in-der-ddr_19452, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19452 Rezension drucken
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