/ 20.06.2013
Shingo Shimada / Christian Tagsold
Alternde Gesellschaften im Vergleich. Solidarität und Pflege in Deutschland und Japan
Bielefeld: transcript Verlag 2006; 176 S.; kart., 18,80 €; ISBN 978-3-89942-476-8Im Jahr 2000 wurde in Japan die Pflegeversicherung nach deutschem Vorbild eingeführt. Während die Pflegeversicherung in Deutschland ein zusätzliches Instrument im sozialstaatlichen Fürsorgesystem darstellt, konnte Japan bislang nicht auf eine solche Tradition zurückblicken. Die Einführung der Pflegeversicherung steht dort „als Indikator eines radikalen sozialen Wandels“ (153). Die Autoren lehren beide Modernes Japan in Düsseldorf. Sie fragen, ob die Einführung der Pflegeversicherung in Japan einen Bruch mit dem bis dahin vorherrschenden System der familiären Fürsorge und einem Solidaritätsprinzip, das auf einem ethnisch-rassischen Nationalkonzept basiert, bedeuten könnte. Sie untersuchen, inwieweit die unterschiedliche Kultur in Deutschland und Japan die Ausgestaltung der Pflegeversicherung bestimmt hat, welche Bedeutung sie in beiden Ländern einnimmt und wie sie das Selbstverständnis der jeweils eigenen Kultur mitprägt. Aus einer solchen kulturtheoretischen Perspektive vergleichen sie zunächst das Solidaritätsverständnis der beiden Länder und stellen die Ausgangsbedingungen bei der Einführung der Pflegeversicherung dar. Die dann folgende Analyse zur Rolle der Kommunen und zu den einzelnen Bestimmungen der Pflegeversicherung fördert eine Reihe von heterogenen Phänomenen zutage. Es zeigt sich, dass die Schaffung einer sozialen Institution in verschiedenen kulturellen Kontexten ganz unterschiedlichen Zielsetzungen und Wirkungen unterliegen kann. In Japan wurde – entsprechend des Idealbildes der Familie – mit der Pflegeversicherung versucht, „die Verantwortung der Altenpflege wieder fest in den Familien zu verankern, indem man mit den über den Markt angebotenen Dienstleistungen die familiäre Pflege unterstützt“ (150). Im Unterschied zu Deutschland wurde dabei auf Geldleistungen für ambulante Pflege verzichtet. Durch die Wahlmöglichkeit zwischen Sach- und Geldleistungen im deutschen Modell würde – und das sei der revolutionäre Moment der deutschen Pflegeversicherung – der Markt in die Familie hineingetragen.
Anke Rösener (AR)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.1 | 2.262 | 2.35 | 2.68 | 2.342 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Anke Rösener, Rezension zu: Shingo Shimada / Christian Tagsold: Alternde Gesellschaften im Vergleich. Bielefeld: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25972-alternde-gesellschaften-im-vergleich_30200, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 30200
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