/ 21.06.2013
Thomas Brackmann
Zwischen Kemalismus und Islamisierung. Das Verhältnis von Religion und Staat in der Türkei
München: Martin Meidenbauer Verlag 2007 (Forum Europäische Geschichte 4); XI, 113 S.; pb., 18,90 €; ISBN 978-3-89975-641-8Überwiegen laizistische oder islamische Werte in der Türkei? Dieser Frage geht der Autor nach, indem er beide Richtungen der Staats- und Gesellschaftsorganisation in ihrer historischen Entwicklung darstellt. Zunächst wird der Islam als Religion beschrieben, zwischengeschaltet dann ein historischer Abriss über die Entwicklung vom Osmanischen Reich zur Türkischen Republik gegeben und schließlich – vor diesem Hintergrund – ein Überblick über Leben und Staatsauffassung von Kemal Atatürk vermittelt. Auf dieser Grundlage wird dann das ambivalente Verhältnis von Laizismus und Islamismus in der Türkei dargestellt und anhand des Beispiels der Frau in der türkischen Gesellschaft konkretisiert. Es wird deutlich, dass die Staatsorganisation der Türkei nicht nur zwischen den beiden Polen Laizismus und Islamismus schwankt, sondern dass beide Denk- bzw. Glaubensrichtungen in ihrer wechselseitigen Konfrontation mannigfaltige immanente Widersprüche aufweisen. Diese wirken auch auf die Außenwahrnehmung der Türkei prägend, etwa im Zuge der Debatte um einen EU-Beitritt des Landes. So bedeutet die von europäischer Seite geforderte Demokratisierung des Landes gleichzeitig die Realisierung umfassender Religionsfreiheit – was andererseits einen Islamismus befördern könnte, der das Projekt des türkischen Laizismus gefährdet. Entsprechend ambivalent gestaltet sich die Rolle vieler Frauen in der türkischen Gesellschaft, die gleichzeitig beide Denkschulen in ihrer Reinform negieren: So tragen sie zwar das Kopftuch, lehnen aber die Rolle als Hausfrau ab. Jenen Mittelweg erwartet der Autor auch für die zukünftige politische Ausrichtung des Landes, ein laizistisch motivierter Nationalismus scheint sich mit einem moderaten Islamismus zu verbinden. Aus der Türkei-zentrierten Perspektive sieht der Autor daher durchaus Möglichkeiten für einen EU-Beitritt der Türkei – die Frage der Ausformulierung eines kultur- und wertebezogenen Selbstverständnisses Europas bleibt dabei freilich ausgeklammert.
Carsten Michael Nickel (CMN)
B. A., Politikwissenschaftler, wiss. Hilfskraft, Lehrstuhl für Internationale Politik, Ruhr-Universität Bochum.
Rubrizierung: 2.63 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Carsten Michael Nickel, Rezension zu: Thomas Brackmann: Zwischen Kemalismus und Islamisierung. München: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28418-zwischen-kemalismus-und-islamisierung_33476, veröffentlicht am 04.06.2008.
Buch-Nr.: 33476
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B. A., Politikwissenschaftler, wiss. Hilfskraft, Lehrstuhl für Internationale Politik, Ruhr-Universität Bochum.
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