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/ 03.06.2013
Doris Sottopietra

Variationen eines Vorurteils. Eine Entwicklungsgeschichte des Antisemitismus in Österreich

Wien: Passagen Verlag 1997; 264 S.; 58,- DM; ISBN 3-85165-243-6
Im Mittelpunkt der Studie steht die Untersuchung des Antisemitismus als Konzept, das "durch seine inhaltlichen Diskontinuitäten und Transformationen" (13), d. h. durch zeit- und gesellschaftsspezifische Argumentationsmuster geprägt werde. Deren jeweils konstitutive Elemente und ihre Funktion im öffentlichen Diskurs sollen am Beispiel der österreichischen Gesellschaft hervorgehoben werden. Der Hauptteil der Studie ist in fünf Kapitel gegliedert. Zunächst stellt die Autorin die Entwicklung des Begriffs der "Rasse" vor, indem sie auf dessen geschichtliche Wurzeln in Aufklärung und Nationalismus im 19. Jahrhundert eingeht und daran anschließend die Funktion rassistischer Vorurteile am Beispiel der nach 1900 zunehmend in die Debatten eingeführten "Judenfrage" untersucht. Das zweite Kapitel rekonstruiert die Wandlungen des Antisemitismus vom ideologischen Muster zum politischen Programm und schließlich zur Handlungsvorgabe einer politischen Praxis, die in der organisierten Vernichtung großer Teile der jüdischen Bevölkerungen Europas in der NS-Diktatur kulminierte. Im dritten Kapitel werden die Kontinuität bzw. das erneute Auftreten antisemitischer Vorurteile in der österreichischen Gesellschaft nach 1945 untersucht, wobei die Autorin anhand von Umfragedaten besonders auf das Phänomen des "Antisemitismus ohne Juden" eingeht. Die abschließenden Kapitel behandeln die in den letzten zwei Jahrzehnten festzustellende Verlagerung der Problematik. Die Autorin stellt zunächst die Bedeutung des "Holocaust" und der Gründung des Staates Israel für die Ausbildung eines jüdischen Identitätsbewußtseins dar, ehe sie auf die zunehmende Funktionalisierung antisemitischer Vorurteile im Kontext der öffentlichen Diskussion über die Bewertung der österreichischen NS-Vergangenheit zu sprechen kommt. Die einführende Darstellung der wesentlichen Strömungen der akademischen Antisemitismusforschung und des gegenwärtigen Forschungsstandes sowie ein ausführliches Literaturverzeichnis bieten zudem einen aktuellen Überblick der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema.
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.42.23 Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Doris Sottopietra: Variationen eines Vorurteils. Wien: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/2065-variationen-eines-vorurteils_2509, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 2509 Rezension drucken
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