/ 12.09.2013
Gerd Ruge
Unterwegs. Politische Erinnerungen
Berlin: Hanser 2013; 324 S.; 21,90 €; ISBN 978-3-446-24369-9Der Titel „Unterwegs“ dürfte dem für Gerd Ruge typischen Understatement entsprungen sein – so persönlich zurückgenommen, wie sich der Journalist in seinen Reportagen stellvertretend für uns deutsche Fernsehschauerinnen und ‑zuschauer über Jahrzehnte hinweg fremden Menschen genähert hat, erinnert er sich nun an sein Berufsleben, das nur auf den ersten Blick als unstet angesehen werden könnte. Tatsächlich aber lebte er lange Jahre in den USA, Russland und China und konnte so weitaus mehr berichten, als auf Pressekonferenzen offiziell mitgeteilt wurde. Gestützt auf seine vorherigen Bücher erzählt Ruge nun noch einmal von großen politischen Ereignissen und vom Alltag eines Korrespondenten – und damit, etwa mit dem Rückblick auf die schwierigen Wohn‑ wie Arbeitsbedingungen in den beiden kommunistischen Ländern, zugleich auch von den Einschränkungen, unter denen die Menschen in Russland und China zu leiden hatten. Sein Dolmetscher in Peking, Herr Liang, der als Folge der Kulturrevolution seinen Posten im chinesischen Außenministerium verloren hatte, oder der russische Schriftsteller Boris Pasternak, der den Literatur‑Nobelpreis ablehnen musste, stehen dabei beispielhaft für das Leben unter der Diktatur. Aber auch die USA treten nicht nur als Hort der Freiheit auf, zu verstörend ist die beobachtete Rassendiskriminierung. Ergänzt werden diese Eindrücke aus den größten und einflussreichsten Staaten der Erde mit Beobachtungen aus Phasen, in denen Ruge zu Hause für den WDR berichtete. 1955 gehörte er zu den Journalisten, die Adenauer nach Moskau begleiteten, gründete selbst 1961 die westdeutsche Sektion von Amnesty International mit, war angesichts der Ost‑Politik Willy Brandts beim „Bericht aus Bonn“ der eifersüchtigen Sendezeit‑Zählerei der Parteien ausgesetzt und beobachtete 1990 aus nächster Nähe (wieder als Korrespondent in Moskau) die Strickjacken‑Diplomatie von Kohl und Gorbatschow zur deutschen Einheit. Diese unmittelbaren Beschreibungen sind insgesamt eine willkommene und kurzweilige Ergänzung zu geschichts‑ und politikwissenschaftlichen Studien. Zugleich wird der Journalist als ein Repräsentant der Generation sichtbar, die am Ende des Zweiten Weltkriegs gerade erwachsen geworden war, die Einflüsse der NS‑Zeit hinter sich ließ und die Möglichkeiten ausschöpfte, die die junge Demokratie bot.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.3 | 2.313 | 2.315 | 2.333 | 2.62 | 2.64 | 2.68 | 4.21
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Gerd Ruge: Unterwegs. Berlin: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36183-unterwegs_44523, veröffentlicht am 12.09.2013.
Buch-Nr.: 44523
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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