/ 11.06.2013
Jürg Stadelmann
Umgang mit Fremden in bedrängter Zeit. Schweizerische Flüchtlingspolitik 1940-1945 und ihre Beurteilung bis heute
Zürich: Orell Füssli 1998; XII, 395 S.; geb., 88,- DM; ISBN 3-280-02803-5Diss. Philosoph. Fakultät I Zürich; Gutachter: P. Stadler, J. Tanner. – Stadelmann räumt mit dem Mythos des "Asyllandes Schweiz" auf, indem er auf den Widerspruch in der Schweizer Flüchtlingspolitik in der Zeit des Zweiten Weltkrieges hinweist. Der Historiker geht von der Beobachtung aus, "dass die flüchtenden Soldaten und Zivilpersonen, die sich vor dem 'normalen militärischen Krieg' in die Schweiz in Sicherheit zu bringen suchten, im wesentlichen auch Einlass und ein zeitweiliges Asyl erhielten. Dagegen verwehrte das traditionelle Asylland sehr lange jenen Flüchtlingen Eintritt und Schutz, die vor dem fast unglaublichen und kaum für möglich gehaltenen Terror der Nazis flohen." (4) Von dieser These ausgehend, sucht der Autor nach einem Erklärungsmodell; er will die spezifisch schweizerische Wahrnehmung der fluchtverursachenden Ereignisse aufzeigen. Stadelmann stützt sich auf umfangreiche Quellen und bietet eine Fülle von Grafiken sowie Fotos. Er plädiert dafür, Lehren aus den bitteren Erfahrungen der 40er-Jahre zu ziehen: Die Schweizer sollten stets den "Mythos der humanitären Tradition" ihres Landes zur "ethische[n] Richtschnur" und zum "moralische[n] Massstab" (308) ihrer Einstellung zu Flüchtlingen machen.
Inhaltsübersicht: 1. Fluchtziel Schweiz: 1.1 Ursachen der Flüchtlingsströme in Europa; 1.2 Zwei Flüchtlingskategorien; 1.3 Fluchtziel: Das klassische Asylland. 2. Zielland Schweiz: 2.1 Asyllandbekenntnis und Igelmentalität; 2.2 Die Flüchtlingspolitik nach aussen; 2.3 Das Verfahren an der Grenze; 2.4 Die Rechtsstellung der anerkannten Flüchtlinge; 2.5 Die Grössenordnungen der Asylgewährung; 2.6 Die Flüchtlingspolitik im Innern. 3. Asylland Schweiz: 3.1 Der Souveränitätswille der Schweiz und die Realität; 3.2 Frühere Erfahrungen mit Flüchtlingen; 3.3 Was wusste man vom Vernichtungskrieg?; 3.4 Die Behörden gegen, das Volk für die Flüchtlinge? 4. Zwischen Selbstverklärung und Selbstanklage: Die schweizerische Art der "Vergangenheitsbewältigung": 4.1 Anfang oder Ende einer Geschichtsdebatte?; 4.2 Rückblick auf fünfzig Jahre Zündstoff; 4.3 Bilanz einer Geschichtsdebatte: Beobachtungen und Entwicklungslinien.
Sabine Steppat (Ste)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.5 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Sabine Steppat, Rezension zu: Jürg Stadelmann: Umgang mit Fremden in bedrängter Zeit. Zürich: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10616-umgang-mit-fremden-in-bedraengter-zeit_12553, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12553
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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