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/ 21.06.2013
Dieter Sauter (Hrsg.)

Türkisches Roulette. Die neuen Kräfte am Bosporus

München: Herbig 2007; 254 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-7766-2527-1
Trotz des etwas reißerischen Titels bleiben die Reportagen des langjährigen Türkeikorrespondenten Sauter die „neuen Kräfte“ in der Türkei schuldig. Eher handelt es sich um „alte Bekannte“, das Militär, die organisierte Kriminalität, die Religiösen, die mal mehr, mal weniger in den hiesigen Medien wahrgenommen werden. Neben viel Alltagsbeschreibung findet sich jedoch auch etwas politische Analyse. Die komplexe Einstellung der Türken zum Militär schildert Sauter über ein Gespräch mit der Professorin Ümit Cizre, die jüngst die bisher umfassendste Studie zu diesem Thema vorgelegt hat. Darin wurde ermittelt, dass 58,6 Prozent der Türken es normal finden, dass sich das Militär in die Politik einmischt und 26,8 Prozent gar ein Militärregime dem Status quo vorzögen. Cizre schildert jedoch, dass sich ebenso eine Mehrheit für Demokratie und zivile Politik ausspreche, was nur scheinbar einen Widerspruch bedeute: „Die Mehrheit der Menschen in der Türkei sieht ihr Land von Feinden umzingelt und rechnet ständig mit einem Angriff“ (74). Und tatsächlich gebe es ja auch rundherum genügend Krisengebiete. Abschließend fragt Sauter: „Was gibt es in Kleinasien für die EU zu gewinnen“ (236)? Die EU sei nach der letzten Erweiterung nicht nur schwerfälliger und fragiler geworden, sondern grenze zudem auch an gleich mehrere Krisengebiete. Darauf, so der Autor, habe sie bisher nicht mit einer konsistenten europäischen Außenpolitik geantwortet, die Türkei allerdings sei sozusagen schon vor Ort. So „ist die Türkei zu einer neuen zentralen Macht zwischen Europa, dem Kaukasus, Zentralasien und dem Nahen und Mittleren Osten aufgerückt“ (240). Zudem sei die Türkei mit der Pipeline von Baku in Fragen der Energieversorgung vom bloßen Mitspieler zum Zwischenhändler mit Gewicht aufgestiegen. Jedoch sieht Sauter sowohl die EU als auch die Türkei in der Frage gegenseitiger Annäherung letztlich noch unentschieden. Dass jedoch ein entscheidender Anteil an der zukünftigen Entwicklung der Türkei in den Handlungen der EU begründet sein wird, ist für den Autor gewiss.
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.632.222.232.25 Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Dieter Sauter (Hrsg.): Türkisches Roulette. München: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/30418-tuerkisches-roulette_36111, veröffentlicht am 05.05.2009. Buch-Nr.: 36111 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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