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/ 05.11.2015
Thomas Apolte (Hrsg.)

Transfer von Institutionen

Berlin: Duncker & Humblot 2014 (Schriften des Vereins für Socialpolitik. Neue Folge 340); 223 S.; 89,90 €; ISBN 978-3-428-14472-3
Der Band macht die Beiträge einer Tagung des Ausschusses für Wirtschaftssysteme und Institutionenökonomik des Vereins für Socialpolitik, die im September 2013 in Duisburg stattfand, einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Das übergeordnete Thema ist bedeutsam, denn – da ist Thomas Apolte Recht zu geben – „institutioneller Wandel“, der gesellschaftliche Realität tagtäglich bestimmt, findet „immer auch in Form eines Transfers“ (9) von Institutionen statt. Dies gilt vor allem dann, wenn sich in Zeiten von Globalisierung und Europäisierung internationale Organisationen als Treiber eines solchen Wandels gerieren. Gleichwohl sind 1:1‑Transfers selten, da in jedem (politischen) System kulturelle und gesellschaftliche Pfadabhängigkeiten zu berücksichtigen sind. Mit Blick auf diese Erkenntnis kommen Nils Goldschmidt, Pia Becker und Alexander Lenger in ihrem Beitrag zu einer für Ökonomen bemerkenswerten These: Da „Kultur ein konstitutives Element in der gesellschaftlichen […] Entwicklung ist, richtet sich der hier verfolgte Ansatz entsprechend auf die kulturellen und historischen Faktoren aus, die die mental models […] der Individuen formen, anstatt sich auf vereinfachende Verhaltensannahmen der Rational‑Choice‑Theorie zu beziehen“ (15). Auch qualitative Methoden müssten deshalb stärker berücksichtigt werden. Zudem führen sie die Figur des „kulturellen Dolmetschers“ ein – Personen, die sowohl in „fachwissenschaftlicher […] Hinsicht und damit tendenziell kulturunabhängige Experten für institutionellen Wandel sind als auch mit Blick auf die Kommunikation in spezifischen, kulturabhängigen Argumentationsfeldern über eine besondere Expertise verfügen“ (21). Auffallend ökonomisch an dieser Figur ist die Betonung des Sachverstands – eine Eigenschaft, die politischen Akteuren (zumindest in diesem Ausmaß) meist abgesprochen wird. Ähnlich argumentieren auch Carsten Herrmann‑Pillath und Joachim Zweynert, die darauf hinweisen, dass die Theorie des Institutionentransfers „die Bedeutung von kulturschaffenden kreativen Akten politischer Unternehmer“ (107) verstärkt anerkennen müsse. Jürgen Jerger beleuchtet die Bedeutung der historischen Genese von Institutionen und der dadurch begründeten Grenzen von Wandel. Insgesamt ist der Band durchaus bemerkenswert, weil sichtbar wird, dass nun offenbar auch in den Wirtschaftswissenschaften Diskurse nachvollzogen werden, die in den Sozialwissenschaften schon seit Längerem geführt werden. Schade ist, dass sich die Beiträge nicht konsequent der Theorieentwicklung widmen, sondern immer auch wieder Bezüge zu empirischen Beispielen herstellen, die zum Teil doch sehr spezifisch sind.
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Rubrizierung: 4.432.212.68 Empfohlene Zitierweise: Henrik Scheller, Rezension zu: Thomas Apolte (Hrsg.): Transfer von Institutionen Berlin: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/39042-transfer-von-institutionen_46778, veröffentlicht am 05.11.2015. Buch-Nr.: 46778 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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