/ 12.11.2015

Gisela Burckhardt, in Zusammenarbeit mit Swantje Steinbrink
Todschick. Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziert
München: Wilhelm Heyne Verlag 2015; 240 S.; pb., 12,99 €; ISBN 978-3-453-60322-6„In unseren Breitengraden ist ‚Bangladesch‘ inzwischen ein Synonym für unmenschliche Arbeitsbedingungen und gewissenlose Geschäftemacherei in der Bekleidungsindustrie geworden.“ (16) Spätestens seit dem Einsturz des Rana‑Plaza‑Gebäudes 2013 in der Nähe von Dhaka – einem neungeschossigen Komplex mit mehreren Textilfabriken – ist die dunkle Seite des wichtigsten Wirtschaftszweiges in dem Land auch europäischen Verbrauchern bekannt. Gisela Burckhardt, Vorstandsvorsitzende von Femnet e. V. und engagiert in der Clean Clothes Campaign, hat sich diese Bekleidungsindustrie genauer angesehen. Auf ihren Reisen nach Bangladesch machte sie sich selbst ein Bild von den Arbeitsbedingungen und führte Gespräche mit Fabrikangestellten wie ‑besitzern. So gelingt ihr ein nachdrücklicher Bericht über das Billiglohnland, in dem die Situation der Frauen aufs Engste mit den katastrophalen Ungerechtigkeiten in der Textilbranche verknüpft ist. Das Land ist der zweitgrößte Textilexporteur weltweit, gleichzeitig einer der ärmsten und laut Transparency International auch einer der korruptesten Staaten der Welt. So verwundert es kaum, dass es im Bekleidungssektor skandalös zugeht: Es werden Niedriglöhne gezahlt und Standards in Arbeitsrecht und Arbeitsschutz nicht eingehalten, enorme Umweltschäden durch Chemikalien werden in Kauf genommen, zudem sind etwa zehn Prozent der Parlamentsabgeordneten selbst Fabrikbesitzer, womit ihre Unabhängigkeit zumindest infrage gestellt werden kann. Frauen werden bevorzugt eingestellt, da sie sich erfahrungsgemäß seltener gewerkschaftlich organisieren oder anderweitig zur Wehr setzen und noch dazu weniger Lohn erhalten als Männer. Das Dilemma besonders für junge Frauen in Bangladesch ist groß, so Burckhardt: „Denn so miserabel die Arbeitsbedingungen und Sozialstandards in den Fabriken auch sind, für Frauen bieten sie eine der ganz wenigen Möglichkeiten, Geld zu verdienen, um sich selbst durchzubringen und die Eltern auf dem Land zu unterstützen.“ (56) Die Audits, zertifizierte Überprüfungen der Einhaltung bestimmter Sozialstandards, dienen nach Burckhardts Untersuchungen den Textildiscountern und Modelabels „nur als Feigenblatt“ (126) und seien hauptsächlich ein weiteres Feld für Korruption und Manipulationen. Hauptabnehmer für die Bekleidungsexporte Bangladeschs sind die Staaten Europas – womit deutlich wird, dass ein großer Teil der Verantwortung auch bei den europäischen Politikern und Verbrauchern liegt. Beide nimmt Burckhardt am Ende ihres Bandes in die Pflicht und bietet wertvolle Handlungsempfehlungen.
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Rubrizierung: 4.43 | 4.44 | 2.61 | 2.64 | 2.68 Empfohlene Zitierweise: Simone Winkens, Rezension zu: Gisela Burckhardt, in Zusammenarbeit mit Swantje Steinbrink: Todschick. München: 2015, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/39073-todschick_47240, veröffentlicht am 12.11.2015. Buch-Nr.: 47240 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenCC-BY-NC-SA