/ 07.05.2015
Stefan Rinke / Kay Schiller (Hrsg.)
The FIFA World Cup 1930-2010. Politics, Commerce, Spectacle and Identities
Göttingen: Wallstein Verlag 2014; 408 S.; geb., 39,90 €; ISBN 978-3-8353-1457-3Der Weltfußballverband (Fédération Internationale de Football Association, FIFA) hat mittlerweile mehr Mitglieder als die Vereinten Nationen, und die von ihm seit 1930 alle vier Jahre veranstaltete Fußballweltmeisterschaft (WM) der Männer gehört zu den weltweit bedeutendsten Sportereignissen. Stefan Rinke und Kay Schiller präsentieren Beiträge, in denen die Einflüsse der WM aus kultur‑, sozial‑, politik‑ und geschichtswissenschaftlicher Perspektive dargelegt werden. Die Grundlage bildet eine Konferenz in Zürich im April 2013, die auf Einladung der FIFA stattfand. In seinem Einführungsbeitrag über die Anfänge und Entwicklung der FIFA stellt Alan Tomlinson die Bedeutung von Sport allgemein und Fußball im Besonderen für die nationale Identität heraus: „The power of football to express national identity in both internal and external forms has propelled the game to the status of the world's most famous sport.“ (30) Dies erkläre sowohl den Erfolg der FIFA als auch die ständigen Spannungen zwischen nationalen Interessen und internationalen Bestrebungen. Ein trauriges Paradebeispiel dafür, wie der prestigeträchtige Wettbewerb für politische Zwecke ausgenutzt wird, behandelt Raanan Rein. Die WM 1978 in Argentinien wurde von der herrschenden Militärjunta genutzt, ihr Land als entwickelt, friedlich und modern zu präsentieren. Angesichts des seit 1976 ausgeübten Staatsterrors und unzähliger Menschenrechtsverletzungen gab es aber im Vorfeld der WM vielfache internationale Proteste und Boykottaufrufe. Zwar blieben sie in Bezug auf die Austragung der Spiele folgenlos, waren aber, so Rein, ein wichtiger Ausdruck transnationaler Solidarität und beförderten die öffentliche Debatte über Menschenrechte und internationale Beziehungen. Joshua H. Nadel untersucht die gesellschaftlichen Auswirkungen der WM 1994 in den USA auf die dortige Gesellschaft. Konnte im Rahmen des Sportereignisses eine Veränderung der Haltung gegenüber der hispanischen Bevölkerung festgestellt werden? Die Fußballbegeisterung der ehemals aus Lateinamerika Zugewanderten fand in der Berichterstattung seinen Niederschlag; sie wurden endlich als Gruppe aus verschiedenen Nationalitäten und sozialen Schichten mit einer vielfältigen, reichen Kultur wahrgenommen, so Nadel. Die Autorinnen und Autoren des Bandes zeigen, dass die FIFA‑WM vielfältige Einflüsse auf die Gesellschaften der Gastgeber‑ und Teilnehmerländer hat. Leider wird sich stillschweigend auf die WM der Männer konzentriert; die seit 1991 stattfinden Meisterschaften der Frauennationalmannschaften finden keinerlei Erwähnung, was einen faden Beigeschmack hinterlässt.
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Rubrizierung: 4.45 | 2.2 Empfohlene Zitierweise: Simone Winkens, Rezension zu: Stefan Rinke / Kay Schiller (Hrsg.): The FIFA World Cup 1930-2010. Göttingen: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/38381-the-fifa-world-cup-1930-2010_46126, veröffentlicht am 07.05.2015. Buch-Nr.: 46126 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenCC-BY-NC-SA