/ 17.07.2013
Harald Rein (Hrsg.)
1982-2012. Dreißig Jahre Erwerbslosenprotest. Dokumentation, Analyse und Perspektive
Neu-Ulm: AG SPAK 2013; 262 S.; 22,- €; ISBN 978-3-940865-37-3Erwerbslosenproteste in Deutschland, das sind nicht nur die sogenannten Montagsdemonstrationen gegen die Hartz‑Gesetzgebung, sondern ein wesentlich differenzierteres Ensemble von Formen des Widerstandes – vom (spontanen) Einzelwiderstand gegen Behördenanordnungen und ‑sanktionen bis hin zur Besetzung von Arbeitsämtern und ARGEn. Der Band, der nach eigenem Verständnis dokumentarischen wie kritischen Belangen gleichermaßen genügen möchte, kann sich dabei nie gänzlich zu einer wissenschaftlichen Distanziertheit durchringen, sondern verbleibt – mal mehr, mal weniger – auf der Ebene von persönlicher Betroffenheit, Enttäuschung oder gar ideologisierter Wut. Das führt dazu, dass Anspruch und Ergebnis auseinanderfallen – so lässt sich ein umfänglicher dokumentarischer Anspruch nicht realisieren, wenn die eigene Perspektive (etwa in Form einer durchgängigen Gewerkschaftsskepsis) andere ebenfalls existente und legitime Perspektiven (Gewerkschaftstätigkeit) zudeckt. Und so lesen sich die Beiträge zur Geschichte der Erwerbslosenproteste in Deutschland, die ihren organisierten Ausgangspunkt im „1. Bundeskongress der Arbeitslosen“ im Dezember 1982 in Frankfurt am Main genommen haben, allzu oft wie politisch‑doktrinäre Rückzugsgefechte, gegen „Kontrolleure und Sozialschnüffler“ (23) und gegen abhängige Beschäftigung überhaupt. Wesentlich interessanter sind da jene Beiträge, wie etwa der von Harald Rein zu den „Traditionslinien des Erwerbslosenwiderstandes“ (25), die historisch detailliert die Genese des Kampfes der Menschen um würdige Arbeitsverhältnisse nachzeichnen – auch vor 1982. Generell taucht der Begriff Würde immer wieder auf. Das, was angesichts von (drohender) Arbeitslosigkeit für viele Menschen besonders prekär zu werden scheint, findet sich in den unterschiedlichsten Beiträgen immer wieder, ob es sich um organisatorische Aspekte der Arbeitslosenversicherung oder um international vergleichende Betrachtungen von Erwerbslosenprotesten handelt. Ein eigener Beitrag zu diesem doch so zentralen Begriff sucht man im Sammelband allerdings vergebens – und das ist, gelinde gesagt, erstaunlich.
Matthias Lemke (LEM)
Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.331 | 2.342 | 2.313 | 2.315 | 2.4 | 2.5 | 2.22
Empfohlene Zitierweise: Matthias Lemke, Rezension zu: Harald Rein (Hrsg.): 1982-2012. Neu-Ulm: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35976-1982-2012_43287, veröffentlicht am 17.07.2013.
Buch-Nr.: 43287
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Dr. phil., Politikwissenschaftler (Soziologe, Historiker), wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.
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