/ 04.06.2013
Sonja Hegasy
Staat, Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft in Marokko. Die Potentiale der sozio-kulturellen Opposition
Hamburg: Deutsches Orient-Institut 1997 (Politik, Wirtschaft und Gesellschaft des Vorderen Orients); 268 S.; 54,- DM; ISBN 3-89173-045-4Politikwiss. Diss. FU Berlin; Erstgutachter: F. Büttner. - Soziale Bewegungen unter autoritären Regimen unterliegen häufig vorschnellen Beurteilungen, daß ihre Aktivitäten sich auf kulturelle und karitative Bereiche beschränken. Staatliche Zugeständnisse würden lediglich als "demokratischer Anstrich" einer Bildungselite zugute kommen, ihre Bedeutung im politischen Gestaltungsprozeß sei jedoch unerheblich. In ihrer Untersuchung der Handlungsspielräume und Einflußmöglichkeiten oppositioneller Gruppierungen und arabischer Intellektueller in Marokko geht die Autorin dem Begriff der Zivilgesellschaft nach, dessen Bedeutung spätestens seit den Systemumbrüchen in Osteuropa unverkennbar wurde. Eindrucksvoll werden Aktivitäten eines regen Vereinslebens, von Literaturwerkstätten, Alphabetisierungszentren, Frauenbewegungen etc. vorgestellt, die "die Veränderung einer politischen Kultur" (15) eingeleitet haben und bereits "punktuelle Ansätze für einen Transformationsprozeß von autoritärer zu demokratischer Herrschaft" (227) aufweisen. Die sich herausbildende "sozio-kulturelle Opposition" in Marokko ist noch weit entfernt von einer Massenbewegung. Gleichwohl transportiert sie durch eine "teilweise rein symbolische Praxis" (15) nicht nur neue Werte in die Gesellschaft, sondern setzt einen kontinuierlichen Lernprozeß in Gang, der die breite Bevölkerung mit Tabu/index.php?option=com_content&view=article&id=41317 konfrontiert und die "politische Urteilskraft des einzelnen" (229) schärft. Mehr als nur formale Zugeständnisse mußten von staatlicher Seite gewährt werden, auch wenn deren Fortbestand noch keineswegs garantiert ist. "Die Monopole des Staates auf Gestaltung des Bildungs-, Gesundheitswesens und der Wirtschaft werden angetastet. Das Thema 'Selbstbestimmung der Frau' ist zum Thema 'Selbstbestimmung der Bürger und Bürgerinnen' geworden." (232) Die empirische Grundlage der Studie bilden zahlreiche Interviews mit Aktivisten der Vereine und Nichtregierungsorganisationen. Darüber hinaus eröffnet die Autorin dem deutschsprachigen Leser den Zugang zu zentralen theoretischen Beiträgen populärer arabischer Denker.
Inhaltsübersicht: 1. Ausgangssituation; 2. Demokratisierung und Zivilgesellschaft in der Entwicklungszusammenarbeit; 3. Stabilität und Wandel unter Hassan II.; 4. Die politische Kultur Marokkos in den 90er Jahren; 5. Mobilisierungswellen; 6. Die Reaktionen des Staates.
Andreas Eis (AE)
Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
Rubrizierung: 2.67
Empfohlene Zitierweise: Andreas Eis, Rezension zu: Sonja Hegasy: Staat, Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft in Marokko. Hamburg: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5978-staat-oeffentlichkeit-und-zivilgesellschaft-in-marokko_8149, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8149
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Jun.-Prof. Dr., Didaktik des politischen Unterrichts und der politischen Bildung, Institut für Sozialwissenschaften Oldenburg, Fakultät I.
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