/ 04.06.2013
Martino Rossi / Elena Sartoris
Solidarität neu denken. Wirtschaftliche Veränderungen, Krise der sozialen Sicherheit und Reformmodelle. Mit einem Vorwort von Pietro Balestra
Zürich: Seismo 1996; 373 S.; 72,50 DM; ISBN 3-908239-54-0Mit Beginn der 90er Jahre hat die Schweiz in Sachen Beschäftigungspolitik ihre frühere Ausnahmestellung unter den Ländern Europas verloren. Auch wenn die Quoten immer noch - verglichen mit dem EU-Spektrum - im unteren Viertel der der Nachbarländer liegen, so ist die Arbeitslosigkeit doch seitdem in einem für Schweizer Verhältnisse beunruhigenden Tempo gestiegen. Diese Annäherung an die Arbeitsmarktprobleme des übrigen Europa hat dazu geführt, daß sich auch die Schweiz mit dem Phänomen "Armut trotz Reichtum" konfrontiert sieht. In diesem Zusammenhang sind in der Schweiz einige Studien über die Verbreitung der Armut durchgeführt worden, an die die Arbeit von Rossi und Sartoris anschließt (übrigens eine Übersetzung der 1995 erschienenen italienischen Originalausgabe). Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen steht der Entwurf eines zweistufigen Reformmodells des Schweizer Systems sozialer Sicherung, das sich in normativer Hinsicht auf die von John Rawls entwickelten Gerechtigkeitsprinzipien beruft (81 ff.). Im ersten und kürzesten Teil nehmen sie - mit Blick auf die zu erwartende wirtschaftliche Entwicklung - eine Analyse der strukturellen Armutsursachen vor (29 ff.). Daran schließt - nach einer sorgfältigen Auseinandersetzung mit Definitionsmöglichkeiten von Existenzminima (95 ff.) - eine sehr detaillierte und kritische Untersuchung der Institutionalisierung und des Leistungsspektrums der Schweizer Sozialpolitik an (127 ff.). Die Reformvorschläge sehen zunächst pragmatisch auf kantonaler Ebene eine Harmonisierung und Integration der bestehenden Instrumente vor (213 ff.). Perspektivisch jedoch votieren sie - auf Bundesebene - für einen radikaleren Umbau in der Einkommensumverteilung, der, über die Einführung eines einkommensunabhängigen Existenzminimums, in die Etablierung eines universellen "Bürgergeldes" mündet (281 ff.). Die Studie ist nicht nur wegen ihres hohen Konkretisierungsgrades lesenswert, sondern auch, weil sie eine weitere Stütze dafür ist, daß das strukturelle Armutsproblem länderübergreifend ähnliche Antworten hervorruft.
Aus dem Inhalt: Armut und wirtschaftliche Veränderungen: 1. Armut: Konzept und Wirklichkeit; 2. Wirtschaftliche Entwicklung und Krise der sozialen Sicherheit; 3. Wirtschaftliche Aussichten und Reform des Systems der sozialen Sicherheit. Existenzminimum: Die heutigen Grundsätze der Sozialpolitik in der Schweiz: 4. Grundlagen und ethische Probleme der sozialen Sicherheit; 5. Existenzminimum: Definition und Quantifizierung; 6. Merkmale des Systems der sozialen Sicherheit in der Schweiz; 7. Die heutige Politik zur Sicherung eines Existenzminimums auf eidgenössischer, kantonaler und kommunaler Ebene. Existenzminimum und Reform der sozialen Sicherheit: 8. Die Sicherung des Existenzminimums: Reformmodelle und gemeinsame Prinzipien; 9. Reformmodelle auf kantonaler Ebene: Harmonisierung oder Integration der Transferzahlungen; 10. Reformmodelle auf Bundesebene: Überlegungen zu Neuorientierungen des Systems der sozialen Sicherheit der Schweiz.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.5 | 2.262
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Martino Rossi / Elena Sartoris: Solidarität neu denken. Zürich: 1996, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4527-solidaritaet-neu-denken_6349, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 6349
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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