/ 20.06.2013
Garri Kasparow
Russland nach Anna Politkowskaja. Aus dem Englischen von Ursula Cordt. Hrsg. von Gertraud Auer Borea d'Olmo und Peter Engelmann
Wien: Passagen Verlag 2007 (Anna Politkovskaja Lecture Series); 107 S.; brosch., 14,90 €; ISBN 978-3-85165-811-8Den Hauptteil des Bandes nimmt ein Vortrag ein, den der russische Oppositionspolitiker Kasparow 2007 in Wien hielt. Er schilderte den gewaltlosen Protest seines Bündnisses „Das andere Russland“ und die teilweise gewalttätigen Reaktionen der Polizei. Vor allem aber kritisierte er die seiner Ansicht nach gewollte Blindheit westlicher Politiker gegenüber Putin und dessen autoritärem Regime. Wenn sich Kennedy und Reagan – statt eindeutig gegen den Kommunismus einzutreten – so verhalten hätten „wie Bush und all die anderen [...], würde ich heute noch immer für die Sowjetunion Schach spielen und Angela Merkel müsste in der DDR auf Jobsuche gehen!“ (48) Auch André Glucksmann plädiert in seinem Vorwort dafür, an Russland die Maßstäbe Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechte anzulegen und entsprechend politisch zu behandeln. „Habt ihr, die Großen Europas, denn gar nichts gelernt?“ (13), fragt er und sieht es als inakzeptabel, Putin nur unter verkürzten Gesichtspunkten – „sein Erdöl, sein Gas, seine Massenvernichtungswaffen und jene Waffen, die er auf der ganzen Erde verkauft“ (12) – zu betrachten. Glucksmann erinnert auch an die ermordete Journalistin Anna Politkowskaja, deren Gedenken dieser Band gewidmet ist. Ihre Ermordung greift auch Scholl in ihrem Beitrag auf, in dessen Mittelpunkt sie den mutigen Einsatz von Frauen stellt – von Journalistinnen und Soldatenmüttern, die unter Gefährdung ihrer Freiheit und ihres Lebens dem System unter Putin unbequeme Fragen stellen. Die Möglichkeit, anders als zu Zeiten der Sowjetunion diese Fragen überhaupt stellen zu können, sei allerdings noch kein Qualitätsausweis für das System, betont auch Kasparow und erzählt in einem den Band abschließenden Beitrag von einer Aktivistin von „Das andere Russland“. Wegen eines Artikels, in dem sie die Zustände in der psychiatrischen Abteilung ihres örtlichen Krankenhauses beschrieben hatte, wurde sie dort nach einer Routineuntersuchung völlig willkürlich von den Ärzten (!) aus Rache festgehalten und erhielt zwangsweise Medikamente – ohne dass von staatlicher Seite eingegriffen wurde.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.62 | 2.25 | 2.22
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Garri Kasparow: Russland nach Anna Politkowskaja. Wien: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21860-russland-nach-anna-politkowskaja_33421, veröffentlicht am 04.04.2008.
Buch-Nr.: 33421
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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