/ 05.06.2013
Arno Lustiger
Rotbuch: Stalin und die Juden. Die tragische Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees und der sowjetischen Juden
Berlin: Aufbau-Verlag 1998; 429 S.; Ln., 49,90 DM; ISBN 3-351-02478-9Kennzeichen der stalinistischen Herrschaft war nicht nur ihre beispiellose Radikalität und Brutalität, sondern auch ihre Unberechenbarkeit. Wer heute noch Held der Sowjetunion war, konnte morgen schon in einem Schauprozeß als monströser Verbrecher denunziert und zum sofortigen Tod verurteilt werden. Diese leidvolle Erfahrung mußten auch die Juden in der Sowjetunion machen, die, Mitte der dreißiger Jahre noch besonders gefördert, zur Zeit des großen Terrors und nach dem Krieg einem gnadenlosen Antisemitismus ausgesetzt waren und zum Opfer willkürlicher Verhaftungen und Hinrichtungen wurden. Lustiger will mit seinem Buch das Schicksal der Juden unter Stalin sowohl dokumentieren als auch analysieren; eine zentrale Position nimmt dabei die Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees ein. Mitte der dreißiger Jahre waren, angesichts der Greuel der Nazi-Herrschaft, noch viele russisch-jüdische Intellektuelle "leidenschaftliche Anhänger des kommunistischen Regimes" (Vorwort Etkind [13]). Denn dieses sah in der jüdischen Kultur ein Pendant zum eigenen, ideologisch begründeten Internationalismus und unterstützte daher jüdische Traditionspflege und Kulturtätigkeit. Als Stalin aber gegen den deutschen Nationalismus nur noch mit dem Appell an den russischen Nationalismus bestehen konnte, wurde der jüdische Kosmopolitismus auf einmal Ausdruck eines anti-nationalen Geistes. Der Mord an den Führern des Antifaschistischen Komitees und den angeblich gegen Stalin verschworenen jüdischen Kreml-Ärzten war nur ein Teil der dann einsetzenden antisemitischen Kampagne. Nach Einschätzung des Vorwort-Autors Etkind hätte es ohne das frühe Ableben Stalins durchaus zu einer "sowjetische[n] Variante der Endlösung" (17) kommen können. Lustiger geht den Ursachen dieser Entwicklung nach, und er porträtiert die jüdischen Menschen, die zum Teil Opfer ihrer eigenen ideologischen Verblendung, zum großen Teil aber Opfer einer auf Vernichtung zielenden Politik wurden.
Inhaltsübersicht: Efim Etkind: Vorwort (11-18). Die Ereignisse: 1. Zur Geschichte der russischen Juden; 2. Janusköpfige Befreiung: Der jüdische Aufstieg nach dem Oktoberputsch; 3. Vorgeschichte und Gründungsphase des JAFK; 4. Die Aktivitäten des JAFK innerhalb und außerhalb der Sowjetunion; 5. Das Schicksal des JAFK nach Ende des Krieges; 6. Offener Krieg gegen die Juden - die letzten Jahre der Stalindiktatur; 7. Der Prozeß; 8. Nach dem Prozeß; 9. Bilanz: Die russischen Juden zwischen Hitler und Stalin. Die Menschen.
Barbara Zehnpfennnig (BZ)
Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
Rubrizierung: 2.62
Empfohlene Zitierweise: Barbara Zehnpfennnig, Rezension zu: Arno Lustiger: Rotbuch: Stalin und die Juden. Berlin: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6409-rotbuch-stalin-und-die-juden_8715, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 8715
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Prof. Dr., Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Universität Passau.
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