/ 31.07.2014
Ellen Bos / Kálmán Pócza (Hrsg.)
Rechtssysteme im Donauraum. Vernetzung und Transfer
Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2014 (Andrássy Studien zur Europaforschung 10); 239 S.; brosch., 44,- €; ISBN 978-3-8487-0830-7Rezeption und Transfer von rechtlichem Gedankengut oder gar ganzen Rechtsnormen sind in der globalisierten Gesellschaft von besonderer Aktualität, wie jüngst etwa die Verabschiedung einer neuen Verfassung für Simbabwe (2013) zeigte oder – vielleicht noch eindrücklicher, weil umwälzender – die Verfassungsreformen nach 1989 in den postsozialistischen Staaten. Der Rechtstransfer beruhte hierbei auf der Suche nach einem passenden Best Practice‑Modell und ist sowohl zeitlich als auch geografisch zu verstehen: als Synthese aus der „goldenen“, vorautoritären Vergangenheit und dem „goldenen“ Westen, wie Claus Offe schon 1994 festhielt. Die Politologin Ellen Bos veranstaltete von diesem Befund ausgehend eine Konferenz an der Budapester Andrássy Universität, um zu erkunden, welche Vernetzungen zwischen den Rechtskulturen des Donauraums stattfanden und welchen Einfluss dies bis heute auf die politischen Systeme hat. Die Ergebnisse dieser Auseinandersetzung liegen nun als Buch vor und erinnern, dass der Rechtstransfer vor allem in der relativen Homogenität der mitteleuropäischen Rechtssysteme keine Einbahnstraße, sondern von Wechselwirkungen gekennzeichnet ist. Die Autorinnen und Autoren machen auf die Wendepunkte in der Wirkungsgeschichte benachbarter Rechtsräume aufmerksam, zum Beispiel zwischen Bayern und Ungarn im Frühmittelalter (Tamás N Ótári) und zwischen Deutschland und Ungarn nach 1989 in der Übernahme des Modells der Kanzlerdemokratie (István Szab Ó). Die Rechtshistoriker verdeutlichen in ihren Beiträgen, dass es im Mittelalter und der frühen Neuzeit hauptsächlich der gemeinsame Handel war, der eben nicht nur Waren, sondern auch Rechtsgut verbreitete (Elemér Balogh). Hierfür war Verständigung nötig, was alsbald zur Problematik der Übersetzung von Rechtstexten führte. Ein Paradebeispiel mit Blick auf die gegenwärtige Entwicklung des EU‑Rechtsraumes gibt Wilhelm Brauneder in seiner Erörterung der Donaumonarchie als mehrsprachiger Rechtsraum. Er identifiziert die Entwicklung des modernen Staates und damit die Gruppierung von Normadressaten als Ausgangspunkt der Rechtsübersetzungen. Denn wenn nicht nur Behörden, sondern auch Bürger die Zielgruppe des Rechts sind, bedarf es einer gemeinsamen Sprache, die den Transfer erst ermöglicht. Der Donauraum als orbis iuris Austriacus bildet somit nicht nur den Mittelpunkt dieses Sammelbandes, sondern auch den Ausgangspunkt für ein besseres gegenseitiges Verständnis in Mitteleuropa.
Tamara Ehs (TE)
Dr. phil., Politikwissenschaftlerin am IWK Wien und Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg (http://homepage.univie.ac.at/tamara.ehs/)
Rubrizierung: 2.21 | 2.4 | 2.61 Empfohlene Zitierweise: Tamara Ehs, Rezension zu: Ellen Bos / Kálmán Pócza (Hrsg.): Rechtssysteme im Donauraum. Baden-Baden: 2014, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/37363-rechtssysteme-im-donauraum_45849, veröffentlicht am 31.07.2014. Buch-Nr.: 45849 Inhaltsverzeichnis Rezension druckenDr. phil., Politikwissenschaftlerin am IWK Wien und Lehrbeauftragte an der Universität Salzburg (http://homepage.univie.ac.at/tamara.ehs/)
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