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/ 20.02.2014
Joachim Willems

Pussy Riots Punk-Gebet. Religion, Recht und Politik in Russland

Berlin: Berlin University Press 2013; 166 S.; geb., 19,90 €; ISBN 978-3-86280-060-5
Das 2012 im Internet kursierende „Punk‑Gebet“ und die nach der Verhaftung einsetzende weltweite Solidaritätswelle mit den Mitgliedern von Pussy Riot sorgten dafür, dass das Gerichtsverfahren gegen Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Maria Aljochina starke mediale Beachtung erfuhr. Joachim Willems, Theologe, Religionspädagoge und Russlandkenner, beleuchtet in seinem aktuellen Buch die Performance der Band Pussy Riot, die „eher als loses Kollektiv politischer Aktivistinnen zu verstehen [ist] denn als Punk‑Band im engeren Sinne“ (41). „Um Pussy Riots ‚Punk‑Gebet‘ zu verstehen, muss man […] die unterschiedlichen Deutungskontexte aufsuchen, sie für sich genommen differenziert betrachten, die Spannungen wahrnehmen, die sich zwischen den verschiedenen Deutungen und in ihnen ergeben“ (8). Diesen selbstgesteckten Anspruch löst Willems in seinem Buch voll und ganz ein. Willems beleuchtet die enge Verbindung zwischen religiöser und nationaler Identität in Russland und stellt das nicht unproblematische Verhältnis von Kirche und Staat vor. Hierfür hebt Willems auf die Sozialkonzeption (auch Sozialdoktrin genannt) ab, die die bisher ausführlichste Stellungnahme der russisch‑orthodoxen Kirche zu Fragen der Kirche in der modernen Gesellschaft ist. Präzise arbeitet Willems jene Stellen – und damit letztlich Lesarten – der Sozialkonzeption heraus, die diese Kirche als Unterstützerin zivilgesellschaftlichen Engagements oder aber als einzige Wahrheitsinstanz und als zum Widerstand gegen den Staat aufrufende Obrigkeit ansieht. Danach analysiert Willems den Text des sogenannten Punk‑Gebets, betrachtet andere Aktionen von Pussy Riot und stellt die drei bekannten Frauen Tolokonnikowa, Samuzewitsch und Aljochina vor. Anders als das in der westlichen Öffentlichkeit vorherrschende Bild von Pussy Riot, laut dem die Gruppe einen Kampf für westliche Werte und gegen das unterdrückende Russland kämpft, findet Willems dieses so nicht bestätigt. Aus den Statements von Tolokonnikowa und Aljochina arbeitet er sowohl christliche Bezüge als auch radikale politische Forderungen heraus. Diese setzt er in differenzierter Weise mit der Situation der Kirche und politischen Lage in Russland in Beziehung und erkennt, dass nicht die Religionsfreiheit, sondern die Wahrung der politischen Freiheitsrechte das große Problem in Russland ist.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.622.232.25 Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Joachim Willems: Pussy Riots Punk-Gebet. Berlin: 2013, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/36767-pussy-riots-punk-gebet_44894, veröffentlicht am 20.02.2014. Buch-Nr.: 44894 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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